Nachrichten der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes

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03. Dezember 2008

Professor Ulrich Haas fordert Anpassung des Regelwerks

Prof. Ulrich Haas weiß, dass es zu „erheblichen Friktionen kommt, wenn die Verbände ihre Regelungen nicht fristgemäß anpassen.“ Der ehemalige Vorsitzende der Anti-Doping-Kommission warnt: „ Wenn sich die Verbände der Herausforderung nicht stellen, birgt dies Haftungspotenzial und unter Umständen auch die Gefahr, dass bestimmte Dopingvergehen nicht verfolgt werden können.“

 

RED: Welche Auswirkungen haben die Änderungen des Anti-Doping-Regelwerkes zum 1.1.2009 auf die Arbeit der Verbände?

 

HAAS: Das neue Anti-Doping-Regelwerk stellt hohe Anforderungen an die Verbände. Es ist komplexer geworden, mit der Folge, dass auch dessen Anwendung schwieriger ist. Letzteres ist der Preis dafür, dass das Anti-Doping-Regelwerk gerechter und ausgewogener ist als das alte. Um es aber überhaupt anwenden zu können, müssen die Verbände das Anti-Doping-Regelwerk zuerst noch in ihre Satzungen und Ordnungen umsetzen. Auch dies stellt die Verbände vor Herausforderungen, da diese Umsetzung in einem sehr kurzen Zeitrahmen, nämlich bis zum 1.1.2009 erfolgen muss.

 

RED: Nimmt eine Satzung als Teil des Risikomanagements jetzt eine größere Bedeutung ein? Müssen die Satzungen der Verbände verändert werden? Wenn ja, in welcher Hinsicht?

 

HAAS: Die Satzung ist quasi die Verfassung des Vereins bzw. des Verbandes. Hier sind die Grundlagen für die Dopingbekämpfung zu legen. Das bedeutet, dass insbesondere neben der Aufgabe der Dopingbekämpfung in der Satzung auch geregelt sein muss, wer im Verein/Verband welche Aufgabe in Bezug auf die Dopingbekämpfung wahrnimmt. Die Verbände müssen sich vergegenwärtigen, dass die Dopingbekämpfung auch für die nächste Zeit eine aktive Baustelle bleiben wird. Sie müssen daher Vorkehrungen treffen, dass Anpassungen und Neuerungen schnell umgesetzt werden können. Bestimmte Aufgabe wie beispielsweise die Änderung des Doping-Regelwerks müssen daher Organen im Verein/Verband anvertraut werden, die schnell über diese Änderungen beschließen und diese auch in Kraft setzen können. Letztlich bedarf es daher eines richtigen „Mix“ zwischen Satzung, vereinsrechtlicher Nebenordnung und rechtsgeschäftlichen Vereinbarungen mit den Sportler/innen bzw. Trainern.

 

RED: Welche Maßnahmen seitens der Sportverbände sind jetzt für einen gemeinsamen Anti-Doping-Kampf dringend notwendig? An welchen Stellen besteht für den organisierten Sport in Deutschland aus Ihrer Sicht Handlungsbedarf?

 

HAAS: Der mit der Professionalisierung der Dopingbekämpfung einhergehende Mehraufwand stellt – insbesondere für die kleineren Sportverbände – eine beträchtliche organisatorische und finanzielle Belastung dar. Die Zukunft liegt meines Erachtens darin, bestimmte Aufgaben aus dem Verband auszulagern und zu zentralisieren. Auf diese Weise werden nicht nur Kosten gespart. Vielmehr werden professionelle Instanzen mit der Erledigung von Aufgaben betraut, was auch zu einer deutlichen Verringerung des Haftungsrisikos führt. Die Dopingbekämpfung in Deutschland hat mit dieser Vorgehensweise bislang gute Erfahrungen gemacht. Letztlich ist die NADA ja gerade aus diesem Gedanken heraus entstanden. Mit dem deutschen Sportschiedsgericht ist eine weitere zentrale Instanz in Bezug auf die Beilegung von Dopingstreitigkeiten geschaffen worden, die zu einer Professionalisierung und Entlastung der Verbände führt. Ich kann mir eine Reihe weiterer Aufgaben vorstellen, die auf der Grundlage einer gemeinsamen Plattform schneller, effizienter und kostengünstiger erledigt werden können als innerhalb eines Verbandes.

 

RED: Der organisierte Sport zeichnet sich durch eine sehr differenzierte Struktur aus. Vereine, Verbände, Proficlubs und -ligen, Kreis-, Landes- und Bundesorganisationen sind Teile des DOSB. Wo können gemeinsame Strategien ansetzen?

 

HAAS: Gemeinsame Strategien sehe ich etwa in einer Mustersatzung bzw. in einem Musterregelwerk für die Dopingbekämpfung. Damit würden die Verbände die Vorgaben des Welt-Anti-Doping-Codes und des NADA-Codes in einer einheitlichen Weise umsetzen. Das hätte den Vorteil, dass zwischen den Verbänden ein Informationsaustausch erleichtert wird, weil alle auf derselben Grundlage handeln und entscheiden. Auch könnte so schnell kontrolliert werden, ob und inwieweit die Verbände die Vorgaben aus dem NADA-Codes erfüllt haben. Eine weitere gemeinsame Strategie sehe ich in einer Schulung der Entscheidungsträger in den verschiedenen Verbänden auf das neue Regelwerk. Auch könnte man eine Plattform einrichten, die es den Verbänden ermöglicht, Entscheidungen in Dopingsachen auszutauschen oder sich auch sonst in Dopingfragen zu konsultieren. Entsprechende Hilfestellungen könnte ich mir sowohl vom DOSB (einschließlich der Führungsakademie) als auch von der NADA vorstellen. Derartige Strategien würden den Arbeitsanfall bei den Verbänden deutlich mindern, Fehlerquellen vermeiden und den jeweiligen Erfahrungsschatz, der in den verschiedenen Verbänden schlummert, effektiv nutzen.

 

RED: Welche Schwierigkeiten kommen auf den organisierten Sport zu, wenn der Welt Anti-Doping-Code nicht auf allen Ebenen zeitnah umgesetzt werden kann?

 

HAAS: Werden diese Regelwerke nicht fristgerecht umgesetzt, droht Ungemach an verschiedenen Fronten. Zum einen wäre dies zum Nachteil der Sportler und Sportlerinnen. Die neuen Regelwerke sind differenzierter und „unter dem Strich“ für die Sportler und Sportlerinnen günstiger. Im konkreten Fall anwendbar auf die Sportler und Sportlerinnen ist aber immer nur das in der aktuellen Fassung geltende Regelwerk. Haben die Verbände dieses daher nicht an die neuen Vorgaben angepasst, findet auf die Sportler und Sportlerinnen das veraltete Regelwerk Anwendung. Dies ist ungerecht. Die Verbände werden es schwer haben, den Sportler und Sportlerinnen zu vermitteln, dass ein schlechteres Regelwerk auf sie Anwendung findet, nur weil sie ihre Vorgaben nicht fristgemäß erfüllt haben. Ungemach droht den Verbänden aber auch von einer anderen Seite. So ist z.B. die neue Liste der verbotenen Substanzen und Methoden, die zum 1.1.2009 in Kraft treten wird, auf den neuen Welt-Anti-Doping-Code bzw. den neuen NADA-Code abgestimmt. Haben die Verbände ihre Regelungen nicht fristgemäß angepasst, kommt es hier zu erheblichen Friktionen. Dies birgt Haftungspotenzial für die Verbände und unter Umständen auch die Gefahr, dass bestimmte Dopingvergehen nicht verfolgt werden können. Überdies werden die Sportverbände die Zuwendungsbescheide seitens der staatlichen Behörden daraufhin überprüfen müssen, ob eine nicht rechtzeitige Anpassung an die neue Rechtslage unter Umständen Rückforderungsansprüche auslöst.

 

RED: Was umfassen die WADA Neuregelungen maßgeblich?

 

HAAS: Die neuen Regelungen schließen zum einen Lücken im gegenwärtigen System, tragen im stärkeren Maße dem Verhältnismäßigkeitsprinzip bei der Strafzumessung Rechnung, erweitern die Instrumente der Sachverhaltsaufklärung zu Gunsten der Verbände und führen insgesamt zu einem deutlich höheren Harmonisierungsgrad zwischen den Regelwerken der einzelnen Verbände.

 

RED: Warum konnte ein Ziel, die bestehenden Regularien zu vereinfachen, nicht erreicht werden?

 

HAAS: Die Gründe hierfür sind vielfältig. Es ist ein allgemeiner Trend, dass dort, wo ein Lebenssachverhalt komplizierter wird, auch die Regelungsdichte zunimmt. Beigetragen hierzu hat aber auch der umfassende Konsultationsprozess, in dem der neue Welt-Anti-Doping Code entstanden ist. Dieser hat einer Vielzahl von Beteiligten die Möglichkeit geboten, Änderungen anzuregen. Der Wunsch der meisten Beteiligten ging nun mal dahin, Probleme detaillierter zu regeln. Erst am Schluss, als man alle diese Anregungen aufgenommen hatte, hat man erkannt, dass durch diese Vorgehensweise der neue Welt-Anti-Doping-Code deutlich an Volumen zugenommen hat. Der Zuwachs an Genauigkeit und Bestimmtheit wurde durch größere Komplexität, Unübersichtlichkeit und schwierigere Lesbarkeit erkauft. Weitere Ursache für die Komplexität des Regelwerks ist, dass die „Nutzer“ desselben recht heterogen sind. Hierzu zählen Schiedsrichter, Verbandsrichter, Administratoren, Mitglieder in Verbandsorganen, Anwälte und Sportler und Sportlerinnen. Allen Nutzern kann man es nun mal nicht in gleicher Weise recht machen. Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass die Regelungstechnik in den verschiedenen Rechts-, und Kulturkreisen recht unterschiedlich ausgeprägt ist. Hier haben wir ein Beispiel, das stark vom angloamerikanischen Rechtsdenken geprägt ist.

 

RED: Was sind die Auswirkungen des Wettbewerbsrechts der Europäischen Union aufgrund der Einbettung der Sportverbände in die internationale Sportorganisation?

 

HAAS: Die Dopingbekämpfung und damit auch die entsprechenden Regelwerke bewegen sich nicht in einem luftleeren Raum. Vielmehr setzt das staatliche, aber auch das europäische Recht den Rechtsrahmen, innerhalb dessen die Verbände ihre Autonomie wahrnehmen können. Das europäische Wirtschaftsrecht zieht der Regelungs- und Sanktionshoheit der Verbände in Dopingangelegenheiten gewisse Grenzen. Da aber das europäische Recht durchaus Raum lässt, den Besonderheiten des Sports hinreichend Rechnung zu tragen, liegt in diesem Rechtsrahmen – aus meiner Sicht - keine unangemessene Beschränkung der Dopinginitiativen durch die Verbände.