Nachrichten der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes

Nachrichten - Details

14. April 2011

5. Kölner Sportrede - „Sport und Kommune. Zwischen Großveranstaltungen, ehrenamtlichem Engagement und knappen Kassen“

Den lang anhaltenden Applaus am Ende der 5. Kölner Sportrede hatte sich Münchens Oberbürgermeister Christian Ude dreifach verdient: Zunächst weckte er im Kölner Rathaus mit Witz und Charme die Aufmerksamkeit der gut 200 geladenen Gäste aus Politik, Sport, Kultur und Wirtschaft; dann überzeugte er sie von seiner Mission Olympia 2018; und selbst seine Mahnung zu mehr Besonnenheit und Bescheidenheit fand allgemeine Zustimmung.
Es war fast schon eine sportliche Leistung, wie Christian Ude der Dreifach-Salto „Zwischen Großveranstaltungen, ehrenamtlichem Engagement und knappen Kassen“ – so das Thema der fünften von der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes und der Stadt Köln ausgerichteten Kölner Sportrede – gelang. Seine verbale Sportlichkeit kam umso überraschende, bekannte sich Ude doch anfänglich zur persönlichen Unsportlichkeit: „Hätte meine Schulklasse erfahren, dass ich einmal bei der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes die Sportrede halten soll, wäre vermutlich großes Gelächter ausgebrochen. Und es hat seine besondere Ironie, dass ich jetzt schon seit Jahren die Werbetrommel rühren darf für ein Großereignis des Wintersports.“ Denn seine eigene Skisport-Premiere endete mit einem doppelten Spiralbruch.
Christian Ude, der vor seiner Wahl zum Münchner OB bereits drei Jahre lang ausgerechnet Sport-Bürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt war, reklamierte für sich dennoch das Anrecht, zur Bedeutung der Sportförderung und bedeutsamer Olympischer Spiele zu referieren. Er könne nämlich, was keinem seiner Vorredner bei der Kölner Sportrede gegeben war, auch noch im Namen der Sportmuffel sprechen. Und dass ihm ausgerechnet als Kommunalpolitiker die besondere Aufmerksamkeit zu Teil würde, sei letztlich nur rechtens: „Zu 80 % wird die Sportförderung kommunal finanziert. Zu 80 %!“
In diesem Zusammenhang kam Christian Ude, seit 1993 Münchens Oberbürgermeister, zugute, dass er große Erfahrungen gesammelt hat im Verhältnis von Sport und Kommune. So rief er in Erinnerung, dass die kommunale Finanznot schon vor knapp einem Jahrzehnt zum ersten Mal besorgniserregende Schlagzeilen gemacht habe. Der damalige Präsident des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, sei bei der Protestveranstaltung des Deutschen Städtetags im Berliner Kongresszentrum dabei gewesen, als die deutschen Bürgermeister gegen die Finanznot der Kommunen demonstriert haben und vom Gesetzgeber baldige Abhilfe einforderten. Es gab ein Bündnis von Sport und Kommunen. Diese Allianz habe den Kommunen ausgesprochen gut getan und es war nicht zuletzt das klare Votum des Sports, dass die kommunalen Finanzen in Ordnung gebracht werden müssen, weil sonst der Sport vor Ort vor die Hunde gehe. Udes fast schon sportlicher Schlachtruf: „Das war ein wichtiges Bündnis und ich hoffe, dass wir in jeder künftigen Notsituation wieder darauf zurückgreifen können.“
Wie lässt sich in der Zeit großer kommunaler Finanznöte bei 40,5 Milliarden Euro kommunaler Kassenkredite das Engagement Münchens in die mögliche Ausrichtung olympischer Winterspiele im Jahre 2018 rechtfertigen? Christian Udes beste Argumente sind die Erinnerungen an München `72: „Das Geld, das anlässlich von Olympischen Spielen ausgegeben wird, ist ja kein verlorenes, kein wegkonsumiertes Geld, sondern im Glücksfall sogar eine der nachhaltigsten Geldanlagen, die einer Kommune gelingen können. So hat die Stadt München bei der Lösung ihres zweitwichtigsten Problems, nämlich der Verkehrs-Infrastruktur, gewaltig und bis auf den heutigen Tag von den Olympischen Spielen '72 profitiert. Und zur Lösung des wichtigsten Problems, nämlich der Wohnungsnot, wurde ein Olympisches Dorf und ein Mediendorf hinterlassen, das tatsächlich spürbar für mehrere Jahre den Wohnungsmarkt der Landeshauptstadt in einen ausgeglichenen Zustand versetzt hat.“
Wo auf der ganzen Welt - so Ude – sei eine bessere nacholympische Nutzung praktiziert worden als in München? Fast alles sei noch so erhalten wie damals – der Olympiaturm, das Olympiastadion, die Olympia-Schwimmhalle, das Radstadion, die Parklandschaft, der Berg. Und alles wird weiterhin sportlich sowie als Erholungslandschaft durch die Bevölkerung genutzt. Da finde er es manchmal etwas unpassend, wenn fundamentalistische Gegner von Olympischen Spielen so tun, als ob sie 2011 den Gedanken der Nachhaltigkeit erst erfinden müssten.
Natürlich dürfe um die Kosten nicht herum geredet werden. Christian Ude: „Dieses Thema müssen wir offensiv angehen. Drei Milliarden – das hat viele unentschlossene Bürger aufgebracht zu sagen, ihr seid ja wohl wahnsinnig, das kann man doch nicht machen. Von den drei Milliarden sind jedoch gut die Hälfte Kosten des Durchführungshaushaltes. Dieses Geld sammelt das IOC ein, um es im Land der Olympischen Spiele auszugeben. Das ist ein Investitionsprogramm und keine Belastung der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Aber 1,6 Milliarden, das ist richtig, entfallen tatsächlich auf den Steuerzahler. Aber welche Projekte sollen bzw. müssen damit finanziert werden? Es sind Verkehrsprojekte, auf deren Realisierung wir zum Teil nicht seit Jahren, sondern seit Jahrzehnten warten.“ Unmittelbar auf den Stadtsäckel kommen, verteilt auf sechs Jahre, 215 Millionen EURO zu. Von diesen 215 Millionen sind 70 Millionen allein für den Wohnungsbau, also das größte soziale Thema in der Stadt der Wohnungsnot, eingeplant. Und 50 Millionen sollen für reine Umweltschutzprogramme ausgegeben werden. Christian Ude: „Die Kritik von Olympia-Gegnern, die Ausgaben für Olympia sind zu hoch, gebt das Geld lieber für Wohnungsbau und Umweltschutz aus, geht völlig an den Realitäten vorbei!“
Knapp 90 Tage vor der Entscheidung des IOC auf seiner Session im südafrikanischen Durban, wo die Winterspiele 2018 stattfinden, will Christian Ude mit den innerdeutschen Olympiagegnern keine Konfrontation. Denen, die keine besondere Nähe zur Sportbegeisterung haben, wolle er finanzpolitische Argumente, Vorzüge für den Tourismus, Arbeitsmarkt und Wirtschaft, aber auch für die Nachhaltigkeit der Region schmackhaft machen. Und dann dürfe man in einer immer enger zusammenrückenden Welt die sich aus der Durchführung globaler Sportereignisse ergebenden Integrationsgedanken nicht vernachlässigen: „Und das ist jetzt ein Thema, das sich durchzieht vom kleinsten Sportverein in der kleinsten Kommune bis tatsächlich zur Bewerbung einer Millionenstadt um Olympische Spiele. Ich meine die wirklich beispiellose Bedeutung des Sports für die Integration. Beim Sport spielt die Fremdsprachigkeit überhaupt keine Rolle, sind Sprachhürden in null Komma nichts zu überwinden, können sich Menschen verschiedener Nationalität und Religion sofort verständigen. Das ist die Integration in der Kommune. Und genauso gilt im Weltmaßstab, dass es keine Institution gibt, keine politische, keine religiöse, keine wissenschaftliche, die es schaffen würde, mehr als 200 Nationen auf ein gemeinsames Regelwerk, auf gemeinsame Wertvorstellungen, auf gemeinsame Spielregeln und ein gemeinsames Interesse der Bevölkerungsmassen zu vereinen. Das schafft nur der Sport. Er sollte diese politische Befähigung öfter ins Spiel bringen.“
Dem Loblied auf die positive Seite des Sports schickte der Sportredner allerdings einen feinen rhetorischen Floretttreffer voraus. Vor allem den anwesenden Repräsentanten von Sportvereinen und Sportfachverbänden empfahl Ude, ihre Forderungen bezüglich der Ausstattung von Sportstätten zu mäßigen sowie nicht ständig Regeländerungen zuzulassen, die beim Unterhalt sowie der Neuanlage von Sportstätten immer höhere Kosten verursachen – neue Spielfeldmarkierungen, die in Parkett- oder PVC-Böden einzulassen sind, Anzeigetafeln müssen umgerüstet werden; Basketballkörbe müssen stufenlos höhenreguliert werden können; Handballer nutzen Haftmittel, die vor der Nachnutzung der Sporthalle zusätzliche Reinigungskosten verursachen. Christian Udes ultimative Forderung. “Es sollte mehr Wert gelegt werden auf den Dialog mit den Kommunen, die das finanzieren müssen. Und dabei sollte man nicht die wohlhabendsten Kommunen des Landes im Auge haben, sondern die, die ja auch wichtig sind für sportliche Aktivitäten und Angebote, die aber schon unter Kassenkrediten zusammenbrechen und gesetzliche Aufgaben nicht mehr ordentlich erfüllen können.“
Seinen Mahnungen zum Mäßigen und aktivem Sparverhalten fügte Christian Ude Ideen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Nutzung von Sportanlagen sowie der verbesserten Förderung des Freizeit- und Breitensports an. So regte er an, die vorhandenen Sportstätten intensiver zu nutzen. Mitternachts-Basketball sei einfach trendy, zumal solche Angebote eher dem jugendlichen Alltagsverhalten entsprächen.
Auch müsse der Freizeit- und Breitensport mehr finanziellen Zuspruch erfahren. Er wundere sich immer wieder, von Vorstandsvorsitzenden bei Champion-League-Spielen zu hören, welche Beträge da mit einem Federstrich des Finanzvorstands zur Verfügung gestellt würden, damit man sich im Ruhme und Glanze internationaler Sportereignisse sonnen könne. „Wäre es jedoch nicht sinnvoll, wenn alle Unternehmen einen wachsenden Anteil für den Breitensport zur Verfügung stellen, der ja immerhin zwei Drittel der Bundesbürger erreicht und damit dort eine unglaubliche Breitenwirkung hat? Die Frage stellen heißt eigentlich schon, sie zu beantworten. Ich würde es nicht für ein sportpolitisches Debakel halten, wenn für Spielertransfers aufgrund größerer Zurückhaltung auf vielen Seiten einige Millionen weniger zur Verfügung stünden, wenn diese Millionen stattdessen in Breitensport-Projekte fließen würden, wo sie eine ungleich größere sportliche Wirkung erzielen könnten.“ Der Applaus der 200 Zuhörer, unter ihnen DOSB-Generaldirektor Dr. Michael Vesper, war dem fünften Kölner Sportredner Christian Ude an dieser Stelle sicher.
Hier die finanziell fast erdrückende Belastung der Kommunen, dort die große nationale und globale Herausforderung, dann wiederum der Balanceakt zwischen gesellschaftlicher Verpflichtung sowie Weiterentwicklung und damit verbundenen Anforderungen des Sports – all das konnte in Christian Udes Kölner Sportrede nur zulaufen auf die Bedeutung des Ehrenamts: „Beim Ehrenamt haben wir mit Recht den Verdacht, dass einfach Aufgaben abgewälzt werden sollen auf Leute, die es kostenlos machen. Das ist ein bequemer Gedanke, aber der ist sicher nicht zielführend. Ehrenamt kann nicht einfach die Abwälzung ungelöster Finanzfragen sein auf Menschen, die es kostenlos machen. Ehrenamt muss befriedigend sein für denjenigen, der es leisten soll. Meines Erachtens nimmt nicht die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement ab, sie wird nur anders.“ Die Zeit, da die Übernahme eines Ehrenamts einer Lebenszeitverpflichtung nachkam, rechnet Christian Ude der Vergangenheit zu. „Aber die Bereitschaft, sich von Fall zu Fall zu engagieren, sogar mal intensiv für Tage oder Wochen völlig in den Dienst einer Sache zu treten, ist ungebrochen.“ Wenig hält er jedoch von der sehr populären Forderung, den Sport einfach besser zu schützen, indem man ihm Verfassungsrang gibt, weil inzwischen letztlich zu viele gesellschaftliche Bereiche in einen Verfassungsrang drängten. Vorteile, die man sich z. B. bei der Finanzierung erhoffe, könnten sich dann gegenseitig aufheben, so dass der Verfassungsrang wiederum unbedeutend würde. Die Beziehung von Sport und Kommune wünscht sich Christian Ude basisorientiert: „Mein Plädoyer für das Verhältnis von Sport und Kommunen ist, wir sollten wirklich nett zueinander sein.“
Damit fand Christian Ude auch die Zustimmung seines Kölner Oberbürgermeister-Kollegen Jürgen Roters, der seine Begrüßungsworte vor der 5. Kölner Sportrede bestätigt sah: „Die Kölner Sportrede, initiiert durch die Führungs-Akademie, … hat inzwischen eine wirklich gute Tradition. Und die Aufmerksamkeit geht weit über die Stadt Köln und die Region hinaus. Sie hat bundespolitische Bedeutung, das haben wir in den vergangenen Jahren gesehen, weil es hierbei die Möglichkeit gibt, einmal grundsätzliche Fragen der Sportentwicklung aufzugreifen, jenseits der sportlichen Alltagshektik, die ja auch mit dem Sport und all seiner Dynamik verbunden ist.“
Walter Schneeloch, Vorstandsvorsitzender des Vereins Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes e.V., Präsident des Landessportbundes NRW und Vize-Präsident des DOSB, verabschiedete den Münchner Oberbürgermeister mit den besten Wünschen in Sachen Olympiabewerbung. Auch unter dem Aspekt dieser 5. Kölner Sportrede sei er überzeugt, dass München in sieben Jahren weltweit als erste Stadt nach olympischen Sommer- auch olympische Winterspiele ausrichten könne.
Der Bedeutung internationaler Meisterschaften, wie sie Christian Ude erklärt hatte, stimmte auch Nordrhein-Westfalens neue Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport, Ute Schäfer, bei ihrer ersten Anwesenheit bei einer Kölner Sportrede zu. Die in Kürze stattfindende FIFA Weltmeisterschaft der Fußballfrauen, die Hockey-Europa-meisterschaften und die nächstjährige Tischtennis-Weltmeisterschaft seien beste Beispiele. Die hohe Bedeutung, die die Landesregierung dem Sport einräume, zeige sich auch darin, dass die Landesregierung mit dem Landessportbund habe den mit drei Millionen Euro ausgestatteten „Pakt für den Sport“ geschlossen habe, mit dem Spitzen- und Breitensport, aber auch Sport für Bildungsferne, sozial Benachteiligte, für Menschen mit Migrationshintergrund sowie das Verbundsystem Schule und Leistungssport gefördert werde.
[Hanspeter Detmer, Köln]