Nachrichten der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes

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03. April 2008

"Projekt Zukunft" für den Hessischen Fußball Verband - Rolf Hocke im Interview

Der Hessische Fußball Verband (HFV) hat Anfang des Jahres bei einem außerordentlichen Verbandstag über das „Projekt Zukunft“ entschieden. Damit steht der Verband vor einer grundlegenden Reform seiner inneren Organisationsstrukturen. Begleitet wird die Umstrukturierung durch ein Kompetenzteam der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes. Der Präsident des HFV, Rolf Hocke, möchte den Verband in der Zukunft als einen schlagkräftigen und zukunftsorientierten Interessenvertreter seiner Mitglieder sehen und spricht über die neue strategische Ausrichtung des Hessischen Fußballverbandes.

 

Herr Hocke, der Hessische Fußball Verband (HFV) will sich eine komplett neue innere Struktur geben. Was gab den Ausschlag für diese Reform?

 

Der HFV ist der viertgrößte Fußball Verband in Deutschland und sieht sich in erster Linie als Dienstleister für seine Mitglieder. Durch die Veränderung bestimmter Rahmen¬bedingungen hat sich der HFV der Herausforderung angenommen, weiterhin attraktiv und effizient für seine Mitglieder zu bleiben und sich strategisch daran auszurichten.

Ausschlaggebend für die Umstrukturierung war eine genaue Analyse der Satzung und Ordnung des HFV. Mehrere Arbeitsgruppen aus ehren- und hauptamtlichen Vertretern stellten alle Bereiche des HFV auf den Prüfstand, vor allem die Themenfelder Recht und Sportgerichtsbarkeit, Verbandsstruktur, Spielbetrieb und Sportentwicklung. Darüber hinaus wurde eine Umfrage unter den Vereinen durchgeführt und analytisch ausgewertet. Ergebnis der Untersuchungen war, dass der HFV nicht mehr zeitgemäß auf die Anforderungen seiner Mitglieder und auf das Umfeld des Sports ausgerichtet ist. Hier oblag nun Reformbedarf und Neuorientierung. Vor allem die Verbandsstruktur wurde dabei kritisch beleuchtet und zog Umstrukturierungsmaßnahmen nach sich.

 

Wo liegen die Schwerpunkte bei den Veränderungen innerhalb der Verbandsstruktur?

 

Innerhalb des Verbandes war der erste notwendige Schritt eine Annäherung zwischen der Basis und der Verbandsspitze, das heißt, eine schlankere und übersichtlichere Verbandsstruktur musste geschaffen werden. Dazu wurde die Bezirksebene des Verbandes aufgelöst und deren Aufgabenbereiche auf die Verbands- und Kreisebene übertragen. So konnten kurzfristig Entscheidungswege verkürzt und die Basis stärker in das Tagesgeschäft und in die Legislative des Verbandes eingegliedert werden. Das bedeutet klarere Strukturen und eindeutige Aufgaben- und Kompetenzverteilungen, vor allem bei Haftungsfragen.

 

Die notwendige Auflösung der Bezirksebene wurde bei dem außerordentlicher Verbandstag des Hessischen Fußball Verbandes Anfang des Jahres beschlossen. Auch wurde dort über das weitere Vorgehen beim „Projekt Zukunft“ entschieden. Betonung lag dabei auf den Schlagworten „Zukunftsorientierung“ und „Zukunftsfähigkeit“. Was versteht der Verband und Sie unter dem Begriff Zukunftsfähigkeit?

 

Mit seinen 90 Mitarbeitern und mit Blick auf den Haushalt kann man beim HFV durchaus von einem „mittelständischen Unternehmen“ sprechen. Entsprechend sind auch die Anforderungen an die Organisationsstruktur und -kultur in der Zukunft. Neben den Veränderungen in sportlichen Bereichen muss der Verband auch auf gesellschaftspolitische Veränderungen reagieren. Zum Beispiel in Hinblick auf die demographischen Veränderungen in Deutschland oder auf ökonomische Veränderungen. Das Arbeits- und Freizeitverhalten der Bevölkerung ist einem ständigen Wandel unterzogen und hat unmittelbaren Einfluss auf den Sportbetrieb und Mitgliedschaften in den Vereinen. Nicht zuletzt fordert die Globalisierung eine immer größere Komplexität der Aufgaben und Angebote im organisierten Fußballsport. Zukunftsfähigkeit heißt, auf diese Veränderungen zu reagieren und sich den vermehrten Fußballangeboten auf dem Markt zu stellen. Durch die strategische Neustrukturierung soll sich der HFV effizienter auf diese Rahmenbedingungen einstellen können und somit seine Mitglieder binden und neue gewinnen.

 

Welche Veränderungen in der Außenwahrnehmung erwarten Sie durch die neuen Strukturen?

 

Die Verschlankung der Organisationsstruktur soll den Verband transparenter in seinen Arbeitsweisen darstellen. Durch den Wegfall einer Strukturebene entsteht eine neue Basisnähe, Kommunikations- und Entscheidungswege sind kürzer und einfacher nachzuvollziehen. Insgesamt ist der Verband nun „schlagkräftiger, basisnäher und effizienter“.

 

Der Umstrukturierungsprozess wurde durch ein Expertenteam der Führungs-Akademie begleitet. Warum haben Sie sich als externen Berater die Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes ins Boot geholt?

 

Die Führungs-Akademie hat viel Erfahrung als „Unternehmensberater“ der deutschen Sportverbände. Schließlich konnten wir auf das Wissen und Erfahrungswerte zurückgreifen, welche die Akademie bereits bei der Modernisierung des Westdeutschen Fußballverbandes gesammelt hat. In Zusammenarbeit mit der Universität Münster unterstützte die Führungs-Akademie des DOSB den HFV vor allem bei der Analyse des Verbandes und der wissenschaftlichen Auswertung der Vereinsumfrage. Basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen und unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen gestaltete das Expertenteam der Führungs-Akademie die neue strategische Ausrichtung des HFV.

 

Stellte dabei die komplexe Mischung aus Amateur- und Profisport eine besondere Herausforderung an den Verband?

 

Der professionelle Fußballsport spielte eine untergeordnete Rolle, schließlich organisiert sich der Profifußball, zum Beispiel durch die Liga GmbH, selbst. Das Augenmerk lag in erster Linie auf den Amateur- und Breitensport. Naturgemäß gibt es aber Schnittstellen zwischen Verbandsarbeit und Profisport, schließlich zeichnet sich der HFV verantwortlich für die Nachwuchsförderung in den Vereinen und für die Grundausbildung von Schiedsrichtern und Trainern.