Nachrichten der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes

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20. Juni 2006

"Wertorientierte Führung hat eine große Zukunft für Verein und Verbände" - Dr. Norbert Copray im Interview

Bei der Frage nach Orientierungspunkten bei der Führung von Vereinen und Verbänden gibt es unterschiedliche Ansätze. Dr. Norbert Copray hat beim Führungskräfteseminar an der Führungs Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes den "wertorientierten Führungsansatz" vorgestellt. Er st geschäftsführender Direktor der Fairness-Stiftung (gemeinnützige GmbH), die seit 2001 mit dem DOSB und der Führungs-Akademie des DOSB kooperiert. Zentral ist die Vermittlung und Beratung professioneller Kompetenzen für wertorientierte und faire Führungs- und Organisationskultur.

 

 

Herr Dr. Copray, was verbirgt sich hinter dem Begriff "Wertorientierte Führung"?

 

Führung ist immer an Werten orientiert. Fragt sich nur: an welchen? Denn Werte steuern - ob unbewusst oder bewusst, ob absichtlich oder unbeabsichtigt - unsere Entscheidungen und unser Handeln. Eine Führung ist wertorientiert, wenn sie die Werte kennt, die ihr Handeln und damit die Organisation und die Personalführung steuern. Sie ist wert orientiert, wenn sie diese Werte bewusst entschieden und zu Orientierungsgrößen der Organisation und ihres Führungshandelns gemacht hat.

 

Was unterscheidet "Wert orientierte Führung" von anderen Führungsbegriffen?

 

Andere Führungsbegriffe favorisieren bestimmte Führungsstile und Führungsinstrumente. Wer sich für eine wertorientierte Führung entscheidet, entscheidet damit, welcher Grundorientierung die Führung folgen soll. Erst danach kann man über Stile und Instrumente reden. Denn ich muss als Führungskraft wissen, welchen Werten mein Führungsstil, meine Führungsinstrumente, meine Führungsstruktur, meine Führungsziele und meine Führungskommunikation dienen soll. Nur wenn im Kontext einer wertorientierten Führung dieser Kompass eingestellt ist, kann ich aus meinem Stil, meinen Instrumenten, meinen Zielen und meiner Kommunikation eine überzeugende Ganzheit, ein schlüssiges und tragfähiges Führungskonzept, formen.

 

Wo liegen die Stärken der "wertorientierten Führung" in Non Profit-Organisationen, wie Verbänden und Vereinen?

 

Verbände und Vereine dienen von vornherein - jedenfalls laut Satzung - bestimmten Werten, die nicht wirtschaftlicher Natur sind. Damit ist im Grunde klar, woran die Führung gebunden und woraufhin sie orientiert ist. In Beratungen ist jedoch immer wieder festzustellen, dass trotzdem über die Werte, über ihre Zuordnung, über Konflikte zwischen den Werten und über ihre "Übersetzung" in die jeweilige Situation und Zeit Unklarheit herrscht. Dazu kommt, dass nicht einmal in der obersten Führungsebene Klarheit und Einigkeit über die Werte, ihre Rangfolge und Umsetzung besteht. Einfach auch deshalb, weil man sich keine Zeit für einen moderierten Prozess einräumt, um diese Wertorientierung zu bearbeiten und damit ein zukunftsweisendes Fundament für die nächste Zeit zu schaffen. Kein Wunder also, wenn auf den anderen Hierarchieebenen eines Vereins oder Verbandes nicht nur Unklarheit existiert, sondern auch Un- und Missverständnis in Bezug auf das Führungsverhalten. Der Verband bzw. der Verein kann so kein überzeugendes Ganzes werden, weder nach außen noch nach innen.

 

Was kann "Wertorientierte Führung" zu Fusionsprozessen beitragen, wie sie beispielsweise DSB und NOK zum DOSB gerade erleben?

 

In solchen Fusionsprozessen wird den Werten meistens die geringste Aufmerksamkeit gewidmet. Einfach deshalb, weil keiner da ist, der etwas davon versteht. Und was ich nicht kenne, fasse ich auch lieber nicht an. Also kümmert man sich lieber darum, ob die Hierarchiestrukturen zusammenpassen und wie die Macht verteilt wird, ob die EDV-Systeme kompatibel sind und die diversen Ausschüsse. Tatsächlich ist aber die Frage der Wertorientierung und des Wertmanagements ausschlaggebend, denn dabei geht es um die Organisationskultur und die entscheidet in 100 % aller Fälle über das Gelingen einer Fusion. Nachuntersuchungen im Bereich der privaten Wirtschaft haben gezeigt, dass von 100 Fusionen über 70 deshalb nicht gelangen, weil die Unternehmenskulturen nicht zusammen passten. Dabei wird viel Geld verbrannt, obwohl man mit einem Bruchteil davon sorgfältiger an einer Verbindung der Organisationskulturen hätte arbeiten können. So wäre als gemeinsame Basis eine wert orientierte Führung entstanden.

 

Sie haben das Thema auf dem Führungskräfteseminar an der FA ausführlich vorgestellt, welche inhaltlichen Aspekte waren da aus Ihrer Sicht von ganz besonderem Interesse?

 

Ganz klar die Tatsache, dass jede Führung einem Set ganz unterschiedlicher Ansprüche und Wertvorstellungen ausgesetzt ist. Von Seiten der Trainer, der Spitzensportler, der Öffentlichkeit, der Presse, der Nachbarschaft, der Breiten- und Freizeitsportler, des Staates, der Führungskräfte im Verband usw. Darüber gilt es, sich genau Klarheit zu verschaffen. Ein weiterer Punkt: Wie bekomme ich eine Balance in diese verschiedenen Wertvorstellungen, wie finde ich eine zentrale Mitte der Werte? Und dass, ohne mich selbst zu verleugnen, sondern unter Wahrung eigener Gestaltungsinteressen. Nicht zu vergessen und sehr wichtig: Wie organisiere ich in meinem Verein und Verband einen Prozess zu Gunsten einer wertorientierten Organisation, die ihre Werte selbstbewusst und überzeugend vertritt und damit einer wertorientierten Führung Rückhalt, Spielraum und einen Gestaltungshorizont gibt? In der Regel gibt es immer viel Erstaunen, was man von sich und von den anderen bislang nicht wusste und gedacht hat, und sieht: Das Thema wertorientierte Führung hat viel Zukunftspotenzial für die Vereine und Verbände.

 

Weiterführender Link: www.fairness-stiftung.de