Nachrichten der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes

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22. Oktober 2008

Interview mit Markus Weise, Bundestrainer Nationalmannschaft Hockey Herren zum Thema „Teams führen“ am 27. und 28.11.2008 an der Führungs-Akademie des DOSB

Es war die Olympia-Überraschung schlechthin. Vier Jahre nach dem Titelgewinn mit den Hockey-Damen in Athen und jetzt zwei Jahre nach seinem Amtsantritt als Bundestrainer der Herren führte Markus Weise auch das Herren Hockey-Nationalteam in Peking zu Gold. Dem Mannheimer Diplom-Kaufmann wird ein besonderer Führungsstil nachgesagt – das Geheimnis seines Erfolges? Zusammen mit der Referentin der Führungs-Akademie, Tanja Gröber, und dem Coach der Deutschen Meisterinnen im Beachvolleyball, Olaf Kortmann, wird der 46jährige Coach im Rahmen des Seminars „Teams führen“ seine Erfahrungen an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer weitergeben. Link zum Seminar und Anmeldung

 

Trägt der Olympia-Gold-Trainer Markus Weise das Triumphgefühl von Peking noch in sich?

 

Das Gefühl des unmittelbaren Triumphes natürlich nicht mehr, das war nach Spielende besonders intensiv und in der unmittelbaren Zeit danach. Jetzt ist an dessen Stelle eine tief empfundene Freude über das Erreichte getreten, ein Gefühl, dass ich über die Erinnerung immer wieder wach rufen kann.

 

 

Wie motiviert und gestaltet der Erfolg ihre weitere Arbeit?

 

Das Team von Peking existiert nicht mehr, es gibt nur noch einen Teil davon. Die größte Motivation für meine Arbeit schöpfe ich aus der Aufgabe, gemeinsam mit jungen aufstrebenden Talenten und einigen „alten Hasen“ ein neues Team zu schmieden, das bei den anstehenden Großereignissen zu einer Einheit zusammenwächst und gierig auf Erfolge ist.

 

 

In der Qualifikation fast gescheitert, bei den Spielen bis zum Goldgewinn durchgestartet. Welche Faktoren haben den Sieg ermöglicht?

 

Nach der verunglückten Europameisterschaft 2007 gab es einen schmerzhaften Analyseprozess. Mannschaft, Trainerstab und die DHB-Führung haben erst getrennt voneinander und im Anschluss daran gemeinsam die EM aufgearbeitet und eine andere Form der Zusammenarbeit vereinbart. Ich habe meine Position verändert und die Mannschaft ebenfalls, wir sind aufeinander zugegangen.

 

Im Anschluss daran war extrem harte Arbeit angesagt, die die Spieler und der Trainerstab konsequent und zielorientiert durchgezogen haben. Schon Ende 2007 gab es mit dem Gewinn der Champions Trophy in Malaysia ein erstes wichtiges Erfolgserlebnis, das alle Beteiligten bestärkt hat, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

 

Letztlich sind es die Faktoren Zielorientierung, harte Arbeit im Alltag, Fokussierung auf die relevanten Aufgaben und absolute Einheit des Teams im Wettkampf, die den großen Erfolg erst möglich machen, denn Garantien gibt’s keine.

 

 

Wie wichtig das Zusammenspiel zwischen einem starken Teamgefühl auf der einen und kreativen Individualisten auf der anderen Seite?

 

Die Verknüpfung von Teamgefühl und Individualismus ist extrem wichtig. Entscheidend ist, dass starkes Teamgefühl nicht heißt, dass Individualität, Kreativität und Entscheidungsfreude in der Kabine bleiben. Es bedeutet vielmehr, dass jeder seine persönlichen Stärken einbringt und seine persönliche Bestleistung anstrebt. Eine vorgegebene Teamstruktur muss immer Raum für Persönlichkeit lassen.

 

 

Sie haben jahrelang die Hockeynationalmannschaft der Frauen trainiert und sind jetzt seit zwei Jahren Trainer des Herrenteams. Da stellt sich natürlich sofort die Frage nach Unterschieden im Führungsstil?

 

Das mag vielleicht überraschen, aber es gibt hier für mich gar keinen Unterschied. Frauen und Männer lassen sich nach meinen Erfahrungen sehr gut mit dem gleichen Arsenal an Führungsstilen führen. Der einzige für mich erkennbare Unterschied besteht darin, dass bei Frauen auf der emotionalen Ebene (noch) mehr Energie investiert werden sollte, doch selbst dieses Urteil stelle ich zunehmend infrage.

 

 

Im Gegensatz zu Ihrem Vorgänger, Bernhard Peters, stehen Sie für die Schlagworte Antiautorität und Mitbestimmung. Warum haben Sie sich für diese Variante der Führung entschieden und was setzt dieser Umgang bei den Sportlern frei?

 

Mein Vorgänger Bernhard Peters, mein Vorbild in vielen Dingen, und ich führen beide sehr autoritär. Unser beider Autorität bei den Spielern gründet auf hoher Sachkompetenz, Einfühlungsvermögen in die Situation und einem breiten Spektrum an Reaktionsmöglichkeiten im Umgang mit den Spielern und dem Trainerstab. Autorität hat in unserem Fall wenig mit Kasernenhofton etc. zu tun, obwohl wir beide nicht davor zurückschrecken, auch dieses „Instrument“ situativ anzuwenden. Und auch bei Bernhard gab es selbstverständlich Mitbestimmung bei Fragen der Teamentwicklung über den Mannschaftsrat und den Kapitän. Wir unterscheiden uns sicherlich als Mensch, in unserer Arbeit mit dem Team gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.

 

 

Sie sind Referent im Führungs-Akademie-Seminar: „Teams führen“. Was können und wollen Sie den Führungskräften im organisierten Sport mit auf den Weg geben?

 

Wer ein Team führt und das erfolgreich tun will, sollte sehr genau auf zwei Dinge achten: Was hat jedes einzelne Teammitglied anzubieten und wie gestaltet man die Teamdynamik dahingehend, dass das Team sich vorwiegend produktiv verhält und in den Bereich der Topleistung vordringt.

 

 

Lassen sich Ihre Erfahrungen als Trainer auch auf die Arbeit von Führungskräften und Managern übertragen und welchen Punkt erachten Sie hierbei als besonders wichtig?

 

Die Erfahrungen als Trainer lassen sich selbstverständlich auch auf die Arbeit von Führungskräften übertragen. Man muss allerdings darauf achten, dass die Arbeitswelten des Trainers und einer Führungskraft im Verband oder Verein nicht identisch sind. D.h. es müssen spezifische Anpassungen oder Transferleistungen geleistet werden, die die unterschiedlichen Strukturen, Aufgaben und Persönlichkeiten berücksichtigen. Da ich BWL studiert habe, fühle ich mich in beiden Welten zuhause. Das ist sicher ein Vorteil, wenn es darum geht, die Erfahrungen als Trainer mit den Bedingungen der Führung eines Teams in einer Organisation zu verbinden. Beide Seiten können viel voneinander lernen – und das wird sicher auch im Seminar der Führungs-Akademie eine wichtige Rolle spielen.