Nachrichten der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes

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17. Juni 2009

"Sport braucht Wirtschaft und Wirtschaft braucht Sport" - Interview mit Hanns Michael Hölz, Kuratoriumsvorsitzender der Nationalen Anti-Doping Agentur und Managing Director, Deutsche Bank AG

"Der Sport sollte besser sein als die Gesellschaft." Das war einer der herausfordernden Kernsätze bei der 3. KÖLNER SPORTREDE, die Hanns Michael Hölz vor knapp 200 Repräsentanten aus Sport, Wirtschaft und Politik im Kölner Rathaus gehalten hat. In sieben Thesen stellte er seine Grundüberzeugungen zum Verhältnis von Sport, Wirtschaft und Verantwortung vor. Das Interview greift einige seiner Hauptthesen auf und bietet damit auch denen, die in Köln nicht dabei sein konnten, einen Einblick in die in der Rede vorgestellten Positionen.

 

RED.: Herr Hölz – im Mittelpunkt der beiden ersten KÖLNER SPORTREDEN standen die Themen „Sport und Politik“ sowie „Sport – Medien - Kultur“. Bei der von Ihnen gehaltenen 3. KÖLNER SPORTREDE wurde das Thema „Sport und Wirtschaft“ um den Begriff „Verantwortung“ erweitert.

 

HANNS MICHAEL HÖLZ: „Es ist so, dass wir uns in einer wirtschaftlichen Krisensituation befinden, die sich auch auf die Gesellschaft und damit auch auf den Sport auswirkt. Nur mit der Übernahme von Verantwortung für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kommen wir aus einer solchen Situation wieder heraus. Die Übernahme von Verantwortung ist in Krisenzeiten im Hinblick auf Gestaltung und Veränderung etwas ganz Wichtiges. Auch im Sport ist Verantwortung vonnöten. Organisationen wie Vereine oder Verbände brauchen eine starke, verantwortungsbewusste Führung. Zur Verantwortung gehört das Vertrauen – des Sportlers in die Vorgaben seines Trainers; der Mitglieder in ihren Vorstand; auch Vertrauen in die Arbeit der Nationalen Anti-Doping-Agentur. Was Verantwortung, auch Vertrauen anbetrifft, so können Wirtschaft und Sport bestens voneinander lernen.

 

RED.: Leidet das Verhältnis von Sport und Wirtschaft unter den aktuellen Vorzeichen der Finanz- und Wirtschaftskrise?

 

HANNS MICHAEL HÖLZ: Ich spüre gerade in letzter Zeit, dass zwischen Wirtschaft und Sport immer größere Diskussionsplattformen entstehen. Beide Seiten sehen, dass für sie gemeinsam gesellschaftliche Phänomene von großer Bedeutung und Einfluss sind. Sport ist auch viel mehr als das, was in Schlagzeilen auftaucht. Sport ist Gesundheit, ist Bildung, ist Internationalität und ist hoffentlich fairer Wettbewerb. Das gehört auch zur Wirtschaft. Man muss sich gegenseitig unterstützen. Auch macht man dieselben Erfahrungen – nicht nur wie man mit der Krise umzugehen hat, sondern wie beide auch möglicherweise sogar gemeinsam Chancen nutzen können. Es wäre schön, wenn die Wirtschaft noch mehr von der Vielfalt des Sports übernehmen würde. Da denke ich nicht nur an Arbeitsplätze für Menschen, deren Denken und Handeln geprägt wurde von den Werten des Sports. Ich denke auch an präventive betriebliche Maßnahmen unter dem Vorzeichen „Gesundheit“ oder an die positive Beeinflussung des Betriebsklimas durch gute Betriebssportgemeinschaften oder bei Kundenevents etc. Wenn man auf beiden Seiten die Verantwortung für die andere Seite erkennt, braucht das Verhältnis von Sport und Wirtschaft im gesellschaftlichen Kontext unter der Krise nicht zu leiden. Im Gegenteil: Beim gemeinsamen Bemühen um die olympischen Winterspiele 2018 in München würden Sport und Wirtschaft sogar eine gemeinsame Perspektive entwickeln, die unserem Land auf vielen gesellschaftlichen Ebenen Vorteile bringen könnte – nicht nur dem Sport und der Wirtschaft. Wirtschaft ist zum Nutzen der Menschen da - und Sport auch!

 

RED.: Wenn heutzutage von der Beziehung zwischen Wirtschaft und Sport die Rede ist, wird in der Regel über Sponsoring, dem Transfer von Leistungen und Geld, gesprochen. Was aber ist mit dem guten alten Mäzenatentum?

 

HANNS MICHAEL HÖLZ: Sponsoring, das ist der Austausch von Geld und Nutzung von Plattformen zur Kommunikation. Sponsoring hat, seitdem das betriebswirtschaftliche Denken immer bedeutsamer geworden ist, das reine Mäzenatentum zweifelsfrei in seiner Wahrnehmung in den Hintergrund gedrängt. Aber gerade in der heutigen Zeit gewinnt auch das Mäzenatentum, bei dem den gewährten Vorteilen keine Gegenleistung gegenüber stehen muss, wieder an Bedeutung. Wieder greife ich den Begriff Verantwortung auf. Wir leben in einer Zeit, in der nicht selten große Vermögen vererbt werden. Oft gehen solche Vermögen in Stiftungen auf. Davon sollte auch der Sport profitieren – eben weil er als gesellschaftlich positives Phänomen eine so große Bedeutung hat für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Solche Stiftungen könnten z.B. langfristig angelegte Jugendsportaktivitäten fördern, was sicherlich auch pädagogisch verantwortungsbewusst wäre. Wichtig ist, dass mit dem Mäzenatentum in der Regel eine längere emotionale Bindung mit den Themen seiner Förderung einhergeht.

 

RED.: Es entsteht der Eindruck, dass sich das Sportsponsoring der Wirtschaft immer mehr konzentriert auf vergleichsweise wenige Sportarten, Ereignisse und Athleten. Der Reichtum des Sports in Deutschland ist jedoch begründet durch seine in die Breite gehende Vielfalt. Eigentlich gibt es für jeden, Junge und Alte, Frauen und Männer, Große und Kleine, Schlanke und noch zu Gewichtige, Angebote zur sportlichen Betätigung. Wie steht es um die Verantwortung des Erhalts des Breitensports und seiner sportlichen Vielfalt?

 

HANNS MICHAEL HÖLZ: Das ist eine ganz wichtige Frage. Der Erhalt der breitensportlichen Vielfalt ist extrem wichtig. Je größer die Vielfalt, desto mehr Menschen kann der Sport ansprechen. Und dann sind wir wieder beim schon anfangs angesprochenen Aspekt der Gesundheit. Bislang hat es der Breitensport trotz seiner – im wahrsten Sinne des Wortes – Massenbewegung noch nicht so richtig geschafft, sich der Wirtschaft als Partner für Sponsoring anzubieten. Hier muss ein noch intensiverer Imagetransfer einsetzen. Wenn man hier die richtige Strategie entwickelt, kann aus der Beziehung Wirtschaft – Breitensport eine „Win-Win“-Situation entstehen. Hinter der Massenbewegung Breitensport steckt eine enorme Wirtschaftskraft. Im deutschen Sport wird bekanntlich die „Sportcard“ propagiert. Wenn der Sport, insbesondere der weitverzweigte Breitensport, seine Marktmacht mittels der „Sportcard“ bündeln würde, dann würde seine Bedeutung enorm wachsen. Und die Wirtschaft würde sich sicherlich intensiver – mit allen positiven Nebeneffekten – der Unterstützung des Breitensports widmen.

 

RED.: Sie haben in Ihrem Referat die wirtschaftliche Dimension der Volksgesundheit angesprochen.

 

HANNS MICHAEL HÖLZ: Die Universität zu Köln hat da jüngst wichtige Erkenntnisse veröffentlicht. Wenn man sich nur dreimal in der Woche eine halbe Stunde lang sportlich so belastet, dass man einen Belastungspuls von 180 minus Lebensalter hat, könnten dadurch enorme finanzielle Belastungen, die ansonsten für die Behandlung von Krankheiten ausgegeben werden müssten, eingespart werden. Die Kölner Wissenschaftler kamen auf ein volksgesundheitliches Einsparungsvolumen von bis zu 26 Milliarden EURO im Jahr. Der Sport bietet volkswirtschaftliches Einsparungspotential an – ganz davon abgesehen, dass er auch noch ein gesellschaftliches Erlebnispotential hat. Wenn Wirtschaftsunternehmen sportliche Kundenevents gestalten würden, würden sie nicht nur die körperliche Bewegung fördern, sondern auch noch über den Spaß zur geistigen Erholung beitragen.

 

RED.: Sie sind als Managing Director der Deutschen Bank ein Mann der Wirtschaft. Sie sind aber auch tief im Sport verwurzelt – als Vorsitzender eines sehr erfolgreichen regionalen Ski-Verbands sowie als Kuratoriumsvorsitzender der Nationalen Anti Doping Agentur. In Ihrer Doppelrolle haben Sie in Ihrer Sportrede eine Überlegung angeregt, die aufhören ließ: Der Sport solle seine Systeme wirtschaftlicher, somit schlanker organisieren. Wollen Sie den organisierten Sport in Deutschland umkrempeln?

 

HANNS MICHAEL HÖLZ: Umkrempeln wäre viel zu krass ausgedrückt. Aber ich denke, dass man in Zeiten einer Krise, vor allem wenn man auch in der Wirtschaft Verantwortung trägt, sich auch mal mit Parallelüberlegungen für den Sport befassen sollte. Die Wirtschaft muss rationalisieren, muss sich kostenmäßig verschlanken, wenn die Unternehmen am Markt konkurrenzfähig bleiben wollen. Dieses Denken sollte auch im Sport umgesetzt werden. Ich will nicht umkrempeln, sondern anregen, über Kostenstrukturen nachzudenken. Der DOSB-Generaldirektor Dr. Michael Vesper hat ja in einem kurzen Diskussionsbeitrag nach meiner Sportrede die Frage der Parallelstrukturen im Sport und die Frage, inwieweit es Möglichkeiten gibt, die Subsidiarität des Sports und die Koordination mit der Politik, zu optimieren, aufgegriffen. Ich glaube, dass man die Sportstrukturen schlanker gestalten könnte, um damit auch zu schnelleren Entscheidungen zu gelangen. Wenn ich z.B. den Leistungssport betrachte, der muss doch nicht von den unterschiedlichsten Stellen betreut werden. Wenn ich einen starken DOSB habe, wenn ich starke Spitzensportverbände habe, dann muss ich mich bei diesem Thema im Sinne von Verschlankungsdenken mit der Rolle der Landessportbünde und des BMI beschäftigen. Da gibt es sicherlich noch großes Diskussions- und Entwicklungspotential, obwohl ich an dieser Stelle auch weiß, was Föderalismus bedeutet.

 

RED.: Der Anti-Doping-Kampf ist Ihnen als Kuratoriumsvorsitzender der NADA eine Herzensangelegenheit. Hier sehen Sie ihre Verantwortung. Allerdings ist die NADA finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet. Wie kann die Wirtschaft stärker in die Verantwortung genommen werden?

 

HANNS MICHAEL HÖLZ: Ja, das ist eine Herzensangelegenheit von mir. Fakt ist, dass die Refinanzierung der NADA zur Zeit dankenswerterweise sehr von der Politik unterstützt wird. Auch der Sport leistet einen guten Beitrag – beides kann noch ausgebaut werden. Die Beteiligung der Wirtschaft ist jedoch noch unterrepräsentiert. Wir haben drei große Unternehmen als Gründungspartner – die Deutsche Telekom, adidas und die Deutsche Bank -, die sich sehr stark engagieren. Das ist nicht ausreichend, das muss ausgeweitet werden, vor allem dann, wenn Wirtschaft und Sport in einer Verantwortungsbeziehung zueinander stehen. Warum setzen sich Unternehmen, die an großen Sportsponsoring-Maßnahmen beteiligt sind, noch nicht intensiv genug zugunsten der NADA und ihrer Anti-Doping-Aktivitäten ein? Im Anti-Doping-Kampf setzt sich der Sport für Fairness und Gleichberechtigung ein. Solche Zielsetzungen stehen doch auch der Wirtschaft gut. Ich verstehe, dass kein Unternehmen konkrete Dopingkontrollen sponsert. Aber die Wirtschaft kann sich doch verantwortungsbewusster einbringen in die Prävention, mit der wir vornehmlich junge Athletinnen und Athleten ansprechen. Das wäre doch ein Engagement in sportliche und gesellschaftliche Werte.

 

RED.: Welche Rolle ordnen Sie der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbunds im Beziehungsgeflecht zwischen Wirtschaft und Sport zu?

 

HANNS MICHAEL HÖLZ: Ich glaube, dass DOSB und Führungs-Akademie gute Möglichkeiten haben, vor allem jüngeren Persönlichkeiten aus dem Sport bei der Karriereplanung zu helfen. Seit dem Jahre 2000 habe ich für die Deutsche Bank in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Sporthilfe und dem DSB/DOSB das Projekt „Duale Karriere“ entwickelt. Das heißt: Leistungssportentwicklung und Berufsentwicklung werden parallel gefördert. Leute, die sportlich erfolgreich sind, haben ja zunächst für sich ganz persönlich Verantwortung übernommen und eine Führungsrolle eingenommen. Es ist ja inzwischen durchaus bekannt, dass Menschen mit solchen sportlichen Qualitäten auch gerne im Berufsleben Verantwortung übernehmen wollen. Und hier kann ich mir sehr gut vorstellen, dass die Führungs-Akademie des DOSB z.B. Seminarangebote entwickelt für junge Sportler und Sportlerinnen, mit denen sie sich auf ihre Zeit nach der sportlichen Karriere vorbereiten können. Aber solche Angebote könnte man auch der Wirtschaft offerieren, um den Unternehmen den Sport als Personalmarkt näher zu bringen. Und auch der Sport selber könnte in seiner Verwaltung davon enorm profitieren.

Das Gespräch führte Hanspeter Detmer.