Nachrichten der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes

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21. Oktober 2009

Interview: Anja Berninger, Justitiarin der NADA, zum NADA Code 2009

Die Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes wird am 5. und 6. November 2009 im Kölner RheinEnergieStadion gemeinsam mit der Deutschen Institution für Schiedsgerichtsbarkeit eine Fortbildungsmaßnahme anbieten unter dem Titel: „Nada-Code 2009 – die Praxis“. Im Zusammenhang mit Doping-Sanktionen werden vor allem juristische Aspekte erläutert und diskutiert. Zum Kreis der Referenten gehört auch Anja Berninger, die Leiterin des Justitiariats der NADA.

 

FRAGE: Seit Beginn dieses Jahres gibt es den präziser denn je formulierten Nada-Code. Der DOSB hatte allen Sportfachverbänden dringendst empfohlen, die Anerkennung dieses neuen Anti-Doping-Codes in ihre Satzungen aufzunehmen und Sportler/innen, Betreuer/innen sowie Vereins- und Verbandsfunktionäre zur Einhaltung zu verpflichten. Sind die Verbände dem DOSB gefolgt? Haben sie die präzisierten neuen Anti-Doping-Regeln umgesetzt?

 

ANJA BERNINGER: „Ich denke, dass die Umsetzung des neuen NADA-Codes relativ gut geklappt hat. Es war ein Kraftakt für alle Beteiligten – bei uns in der NADA ebenso wie bei den Verbänden, denn der neue NADA-Code konnte durch internationale Vorgaben letztlich erst Ende September 2008 zur Verfügung gestellt werden. Dank der guten Vorbereitung durch die NADA und die Verbände ist es zum größten Teil gut gelungen, in den verbliebenen drei Monaten den neuen NADA-Code in die Verbandsregelwerke zu übernehmen. Zur Überbrückung der Zeit bis zur Anpassung ihrer Verbandssatzungen konnten sich die Verbände auch mit Athletenvereinbarungen oder Lizenzverträgen behelfen. Anhand des nächsten Anti-Doping-Berichts im Jahre 2010 kann dann endgültig festgestellt werden, ob alle Verbände den neuen NADA-Code umgesetzt haben.

Was die inhaltliche Akzeptanz des neuen Nada-Codes 2009 anbetrifft, so ist sie aus unserer Sicht sehr gut. Schließlich bietet der Code jetzt viel mehr Einzelfallgerechtigkeit, da die Umstände jedes Falles viel besser berücksichtigt werden können. Dass natürlich auch zusätzliche Belastungen auf Verbände und Athlet/inn/en hinzugekommen sind, war aufgrund zwingend umzusetzender Vorgaben der WADA leider nicht zu vermeiden.“ Link: Mehr

 

FRAGE: Welche wesentlichen Veränderungen gibt es im NADA-Code 2009 im Verhältnis zum früheren Anti-Doping-Kontrollsystem?

 

ANJA BERNINGER: „Es gibt zwei Schlagworte: Einzelfallgerechtigkeit und Harmonisierung. Einzelfallgerechtigkeit heißt, dass bei der Festlegung des Strafrahmens die individuellen Umstände des Falles mehr berücksichtigt werden können, zum Beispiel Minderjährigkeit, Geständnis oder Verschulden u.ä. Zum Beispiel dann, wenn der Athlet / die Athletin einen unbeabsichtigten Verstoß gegen die Anti-Doping-Regeln begangen hat und die Einnahme einer nicht erlaubten Substanz nicht auf die Absicht zurückzuführen war, eine Leistungssteigerung zu erreichen. So ein Verstoß wird anders behandelt, als der eines Sportlers, der zum Beispiel vorsätzlich verbotenes Blut-Doping durchgeführt hat, sich jedoch nicht zu seinem nachgewiesenen Regelverstoß bekennt – der kann deutlich schärfer sanktioniert werden.

 

Zum Thema Harmonisierung muss gesagt werden, dass die WADA im neuen Code viel mehr Vorschriften vorgegeben hat, die zwingend umzusetzen sind, um zu erreichen, dass wirklich auch weltweit dieselben Regeln gelten. Das hat sich vornehmlich im Rahmen der Meldepflichten ausgewirkt. In Deutschland hatten wir vorher schon ein relativ strenges Meldepflichtsystem. Das gilt aber jetzt nicht mehr nur hierzulande, sondern weltweit, so dass auf diesem Sektor für unsere Athlet/inn/en eine verbesserte Chancengleichheit erreicht worden ist.“

 

FRAGE: War früher von Dopingverstößen oder –Verdachtsmomenten die Rede, bewegten sich die Gespräche im Bermuda-Dreieck Medizin, Biochemie und Pharmazie. Inzwischen aber – wenigstens entsteht der Eindruck – wird das Dreieck um die Juristerei zum Quadrat erweitert. Kaum ein vermeintlicher oder realer Dopingfall ohne juristische Auseinandersetzung.

 

ANJA BERNINGER: „Das ist leider richtig. Vor allem auch dann, wenn immer mehr Geld im Spiel ist, nehmen die juristischen Auseinandersetzungen zu. Man hat am alten WADA- und NADA-Code gemerkt, dass es immer noch rechtliche Lücken gibt, die nicht selten von den Rechtsbeiständen der Athlet/inn/en ausgenutzt wurden. Insofern galt es, mit dem neuen Code diese Lücken zu schließen. Darüber werden wir sicherlich auch im Rahmen der Fortbildungsveranstaltung der Führungs-Akademie sprechen.“

 

FRAGE: Welche Rolle spielt die Sportschiedsgerichtsbarkeit?

 

ANJA BERNINGER: „Die WADA gibt international vor, dass Fälle im Rahmen des Anti-Doping-Kampfs vor einem Schiedsgericht verhandelt werden sollen. Die ordentliche Gerichtsbarkeit ist dabei auszuschließen. Wir haben in Deutschland festgelegt, dass erstinstanzlich noch Verbandsgerichte entscheiden dürfen. Aber spätestens in der zweiten Instanz, in einem Berufungsverfahren, muss ein echtes Schiedsgericht etabliert werden. Wir haben als NADA dafür das Deutsche Sportschiedsgericht bei der Deutschen Institution für Schiedsgerichtsbarkeit (DIS) in Köln initiiert. Es ist mittlerweile etabliert und viele Verbände nutzen diese Möglichkeit. Das Deutsche Sportschiedsgericht verfügt über zahlreiche Schiedsrichter/innen, die Experten im Sportrecht sind. Auch für diese Schiedsrichter/innen ist es wichtig, mit den Feinheiten des neuen NADA-Codes vertraut zu sein, was nicht zuletzt auch durch die Veranstaltung der Führungs-Akademie des DOSB in Köln unterstützt werden soll.“

 

FRAGE: Der neue Nada-Code gilt seit Beginn des Jahres 2009. Haben Sie in der vergleichsweise kurzen Zeit schon erkennen können, dass hier und da Nachbesserungen am NADA-Code vorgenommen werden müssen?

 

ANJA BERNINGER: „Wir arbeiten auch auf diesem Gebiet sehr eng mit der WADA zusammen. Ich nenne ein Beispiel: Bezogen auf das Trainingsverbot muss der neue Code präziser formuliert werden. Was heißt Trainingsverbot? Darf der Athlet bei dieser Sanktion überhaupt nicht mehr trainieren? Oder darf er lediglich nicht mehr an Trainingsmaßnahmen seines Vereins oder Verbands teilnehmen? Diese Präzisierung muss mit der WADA abgestimmt werden, damit wir weltweit eine entsprechende Harmonisierung haben. Auch müssen wir nochmals über die viel diskutierte Ein-Stunden-Regelung sprechen. Ist sie allgemein weltweit praktikabel? Es gilt ja auch, Sportler/innen zu schützen. Ist mit unseren Regularien nicht schon die Grenze des Zumutbaren im Anti-Doping-Kampf erreicht? Am Ende des ersten Jahres werden wir sehr selbstkritisch hinterfragen, ob die neuen Regeln auch wirklich das gebracht haben, was wir uns bei WADA und NADA im Kampf gegen Doping erhofft haben.“

 

FRAGE: Wie wichtig ist die Veranstaltung, die die Führungs-Akademie des DOSB Anfang November unter dem Titel „NADA-Code 2009 – die Praxis“ veranstaltet? Gibt es unter den Betroffenen - den Sportler/inne/n, ihren Betreuer/inne/n, ihren Vereinen und ihren Sportfachverbänden – noch zu viele Wissenslücken, was den neuen NADA-Code 2009 betrifft.

 

ANJA BERNINGER: „Ich halte diese Fortbildungsmaßnahme für absolut wichtig und erforderlich. Es gab mit der Revision des WADA- und des NADA-Codes 2009 zahlreiche Änderungen vor allem im Rahmen der Sanktionsvorschriften, die allen, den Athlet/inn/en, den Verbänden, aber auch den Schiedsrichtern im Deutschen Sportschiedsgericht bekannt sein müssen. Es ist eine wichtige Aufgabe der NADA, alle fundiert zu informieren, die am Anti-Doping-Kampf beteiligt sind. Die Fortbildungsmaßnahme der Führungs-Akademie ist dafür eine sehr gute Plattform und unterstützt dieses Anliegen. Ziel ist auch, dass die anwesenden Multiplikatoren anschließend die Athlet/inn/en und ihre Betreuer/innen bestens informieren können, damit sie sich schützen können vor unbeabsichtigten Dopingverstößen. Und uns ist die Weiterbildung der Schiedsrichter/innen wichtig, um eine harmonisierte Rechtsprechung zu gewährleisten.“

 

Das Gespräch mit Anja Berninger führte Hanspeter Detmer.