Nachrichten der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes

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27. Juni 2008

Interview mit Herrn Reinhardt Wendt, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Reiterlichen Vereinigung e.V. zum Projekt „Investition in die Zukunft“

Herr Wendt, mit dem Projekt „Investition in die Zukunft“ sind Sie einer der Vorreiter bei den Spitzenverbänden, die sich mit dem Thema der Mitgliederentwicklung beschäftigen. Warum haben Sie das Projekt initiiert?

 

Wendt: "Die Mitgliederentwicklung war in unserem Verband in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer wieder ein Thema. Allerdings unter anderen Vorzeichen, da wir kontinuierlich leichte Zuwächse zu verzeichnen hatten. Nun registrieren wir Stagnation und Mitgliederrückgang. Auf der anderen Seite wissen wir durch eine im Jahr 2002 fertig gestellte Marktanalyse, dass die Zahl der Menschen in Deutschland, die vom Pferdesport begeistert sind, deutlich höher ist, als die Zahl unserer Vereinsmitglieder.

Hinzu kommt der demographische Wandel, in dem wir uns schon befinden und dessen Auswirkungen in wenigen Jahren dramatische Änderungen in der Bevölkerungsstruktur und in den nachwachsenden Generationen mit sich bringen wird. Daher gilt es, durch frühzeitige Weichenstellungen alle Potentiale auszuschöpfen. Das ist die Zukunftsaufgabe für den gesamten Pferdesport in Deutschland."

 

Welche Schwerpunkte stehen für Sie im Vordergrund des Projekts?

 

Wendt: "Unsere Mitgliederzuwächse in den letzten 20 Jahren rekrutierten sich fast ausschließlich aus Mädchen und Frauen. Zunächst war das ein schleichender Prozess, jetzt sind die Folgen aber überall deutlich wahrnehmbar. Es gibt Vereine und Betriebe, in denen reitende Jungs und Männer fast ganz verschwunden sind. Der Pferdesport kann es sich aber nicht leisten, dauerhaft auf eine Hälfte der Bevölkerung als potentielle Mitglieder und Kunden zu verzichten.

Bei den Kindern bieten Kindergärten und Schulen die Chance, dass wir uns mit unseren Aktionen gleichermaßen an Jungs und Mädchen wenden. Bei den Erwachsenen kennen wir das grundsätzlich große Interesse am Pferdesport. Wenn Beruf und Familie in klaren Bahnen laufen, treten die eigenen Wünsche in den Vordergrund. Sport zur Gesunderhaltung und gleichzeitig als Naturerlebnis bietet das Pferd in Personalunion für das ganze Leben. Da gilt es anzusetzen."

 

Was sind Ihrer Meinung nach die wesentlichen Erfolgsfaktoren für das Projekt?

 

Wendt: "Der lapidar klingende Satz: „Ohne Schulpferde keine neuen Mitglieder“ bringt alles auf den Punkt. Worauf sollen neue Mitglieder reiten lernen, wenn die Vereine und Betriebe keine Schulpferde bereithalten? Natürlich gehören weitere unverzichtbare Rahmenbedingungen dazu, wie Trainingseinrichtungen, Gelegenheiten zum Ausreiten, Möglichkeiten zur Pferdeunterbringung und gut geschulte Ausbilder.

Ganz wichtig ist, dass alle Ebenen des Verbandes die Notwendigkeit zu handeln erkennen und mitmachen. Knapper werdende Ressourcen sowohl in finanzieller Hinsicht als auch bei dem, was ehrenamtlich leistbar ist, erfordern nicht nur engagiertes, sondern auch gut durchdachtes und strukturiertes Vorgehen."

 

Welchen Einfluss haben Ihrer Meinung nach Erfolge im Spitzensport, wie z.B. bei den bevorstehenden Olympischen Spielen in Peking / Hongkong, für die Mitgliederentwicklung und somit auch für den weiteren Verlauf des Projektes?

 

Wendt: "Der Einfluss spitzensportlicher Erfolge ist hoch. In Deutschland ist Pferdesport seit Jahrzehnten die erfolgreichste Sportart bei Olympischen Spielen. Auf diese Weise haben wir im Wortsinne „Vorreiter“ für die Attraktivität unseres Sportes, für die Symbiose von Leistung und Verantwortung und für ein Wir-Gefühl im Verband. Die Jugend braucht Vorbilder und die Erwachsenen wünschen sich Persönlichkeiten, mit denen sie sich identifizieren können."

 

Damit das Projekt erfolgreich umgesetzt werden kann, ist es notwendig, die Vereine und Verbände einzubeziehen? Wie wollen Sie hier eine hohe Akzeptanz für das Projekt und die Beteiligung der Basis erreichen?

 

Wendt: "Drei Mitglieder weniger pro Verein und Jahr fallen im Verein kaum auf. Für den gesamten Verband wären das aber 22.500 Mitglieder, und das wäre erschreckend. Hieran wird deutlich, wie wichtig Information und Überzeugung sind, um den gewünschten Ruck an der Basis zu erzeugen. Wir müssen die Entwicklungen und die damit verbundenen Zahlen sprechen lassen und die Betroffenheit jedes Einzelnen deutlich machen. Schließlich geht es nicht nur um Mitgliedszahlen, es geht auch um Kunden, es geht um den Lebensunterhalt von ca. 330.000 Menschen in Deutschland, es geht möglicherweise um den eigenen Arbeitsplatz. Betroffen sind Pferdesport, Pferdezucht und die gesamte damit verbundene Industrie. Und schließlich geht es um ein Kulturgut: das Pferd."

 

Sie haben sich für eine externe Begleitung des Projektes entschieden. Was waren für Sie die ausschlaggebenden Gründe dafür, externen Sachverstand einzubinden und was waren die Gründe dafür, dass Sie sich für die Führungs-Akademie entschieden haben?

 

Wendt: "Gute Lösungen für schwierige Komplexe findet man selten alleine. Und der Blick über den eigenen Tellerrand kann durch Fachkräfte von außerhalb sehr inspiriert werden. Vielfältige frühere Seminare mit der Führungs-Akademie gaben uns die Gewissheit, dass von hier viel Inspiration kommen kann. Insofern hoffen wir sehr auf professionelle und konstruktiv-kritische Begleitung."