Nachrichten der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes

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26. August 2009

Prof. Dr. Prohl (Frankfurt/Main) Bildung und Beratung im Sport – eine alte™ Aufgabe mit neuen Perspektiven

Im Juni dieses Jahres fand die zweite Themenkonferenz der Führungs-Akademie des DOSB statt. Gemeinsam mit den Bildungs- und Lehrreferent/inn/en aus den Landessportbünden und mit Prof. Dr. Robert Prohl von der Universität Frankfurt am Main wurden die beiden Begriffe Bildung und Beratung intensiv diskutiert und vor dem Hintergrund der verschiedenen Bildungsangebote in den Ländern ausführlich betrachtet. Insbesondere im Fokus stand der Begriff der Beratung und damit die Frage, inwiefern Bildung in den Landessportbünden auch mit Beratung zu tun hat und ob Beratung ein zunehmend großes Betätigungsfeld für die Bildungsmanager/inn/en sein kann. Auf der Basis einer ausführlichen Diskussion zu den beiden Begriffen wurde dann in einem zweiten Schritt die Umsetzung in bestehende Bildungs- und Beratungsangebote der Landessportbünde diskutiert und vor allem auch die seit längerem bestehende Idee einer Bildungsberichterstattung beleuchtet.

 

FRAGE: Unserer gesamten Gesellschaft wird immer bewusster, dass Bildung – Aus- und Fortbildung – immer größere Bedeutung erlangt. Was bedeutet dies für den Gesellschaftsbereich Sport?

 

PROF. DR. PROHL: Dies hat den durchaus positiven Effekt, dass die immer schon vorhandenen Bildungspotenziale zunehmende gesellschaftliche Anerkennung erfahren, auch in dem weit gefächerten Gesellschaftsbereich des Sports. Für die diversen Sportorganisationen auf den unterschiedlichsten Ebenen ergibt sich daraus die Aufgabe, diese Bildungspotenziale zunächst für sich zu erkennen, um dann Maßnahmen zu ergreifen, mit denen sie ihre Mitglieder darin unterstützen, diese Bildungspotenziale auch individuell zu eröffnen und zu nutzen.

 

FRAGE: Die großen Sportorganisationen, angefangen beim DOSB und seinen Landessportbünden bis hin zu den Sportfachorganisationen, weisen inzwischen fast alle Bildungsreferenten aus. Wie weit muss das Thema Bildung aber auch bis an die Basis der Vereine herangetragen werden?

 

PROF. DR. PROHL: In der Tat dort, an der Basis, entscheidet sich zuallererst, ob die Bildungspotenziale des Sports tatsächlich realisiert werden. Wo sonst? Die Aufgabe der Bildungsreferenten in den übergeordneten Sportorganisationen besteht unter diesem Aspekt darin, als „Reflexionsagenten des Sports“ dessen Bildungspotenziale zu erkennen, zu bewahren und an gesellschaftliche Entwicklungen anzupassen. Anschließend müssen die Bildungsreferenten ihre Beratungskompetenz nutzen, um ihre Ziele an der Basis, in den Vereinen, zu erreichen. Es gibt zwei Voraussetzungen für die geforderte Beratungskompetenz der Bildungsreferenten: Sie müssen über ein klares Verständnis der Bildungspotenziale des Sports verfügen und ein reflektiertes Beratungskonzept vorlegen.

 

FRAGE: Die Notwendigkeit von Bildung muss bewusst gemacht werden. Das heißt, dass die Zielgruppen aus- und fortgebildet werden müssen. Zuvor bedarf es aber der entsprechenden Beratung. Wie verknüpfen Sie Beratung und Bildung?

 

PROF. DR. PROHL: Zunächst ist zu klären, worin die spezifischen Bildungspotenziale des Sports liegen. Die Betonung liegt auf „spezifisch“. Es geht nicht primär um Bildungsthemen, die auch andere gesellschaftliche Felder zu Eigen sind oder die man als erwünschte Folge dem Sport zuschreibt, wie z.B. Gesundheit oder Integration oder nationale Repräsentation. Wohlgemerkt – nicht primär. Dies bedeutet nicht, dass sie nicht wichtig wären, sondern damit ist nur gesagt, dass sie nicht spezifisch für den Sport sind. Sie können natürlich durchaus als erwünschte Folgen aus sportlichem Handeln resultieren.

Um aber die spezifischen Bildungspotenziale herauszuarbeiten, ist es zunächst wichtig, Sport als ein Feld ästhetischen Handelns zu charakterisieren. Im Sport wird nicht gesprungen, weil ein Hindernis im Weg steht, sondern man stellt sich ein Hindernis in den Weg, um springen zu können. D.h., die primären Bildungspotenziale liegen im Prozess des Springens – oder allgemeiner ausgedrückt: im Prozess der körperlichen Bewegung. Unter dem Aspekt der Bildung liegt der Zweck sportlichen Handelns also nicht im Gewinnen, sondern das Gewinnen-wollen dient als Mittel zu dem Zweck, einen Wettkampf sinnvoll gestalten zu können. Damit ist sportliches Handeln immer auch ästhetisches Handeln.

Negativ formuliert: Nimmt man dem Handeln den ästhetischen Charakter, dann beraubt man das sportliche Handeln seines spezifischen Wertes, der in drei Merkmalen auf den Punkt gebracht werden kann:

1. Sich spielerisch erproben im Sinne eines unernsten, jedoch nicht beliebigen Leistungshandelns in einem gesellschaftlich geschützten Raum, der eine ästhetische Eigenwelt des Sports konstituiert („schönste Nebensache der Welt“).

2. Den Prozess der leiblich-körperlichen Bewegung genießen, wobei auch zwischenmenschliche Begegnungen wie in keinem anderen gesellschaftlichen Feld ermöglicht werden (z.B. das „Sportler-Du“).

3. Das Miteinander (im Gegeneinander), indem das eigene Handeln mit dem Handeln anderer Menschen koordiniert werden muss und das Gegeneinander im Wettkampf durch spezifische Normen geregelt wird („Fairness“).

Diese drei Merkmale umreißen im Wesentlichen das spezifische Bildungspotenzial des Sports und sollten in Beratungssituationen mit Blick auf Bildungsangebote als Grundlage dienen. Wird eines oder gar mehrere von ihnen missachtet, z.B. im Rahmen gezielter Programme zur Gesundheitsförderung oder interkultureller Integration, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Sport infolge der Instrumentalisierung für die Teilnehmer/innen an Wert verliert und die Maßnahme dann auch nicht den gewünschten Effekt haben wird.

Die entsprechenden Folgerungen für die Beratung: Wann immer eines der spezifischen Bildungsmerkmale des Sports in einer Maßnahme nicht beachtet wird, sollte deren Sinn noch einmal hinterfragt werden.

Als erstes Beispiel sei die Instrumentalisierung des Sports im Rahmen gezielter Gesundheitsförderung genannt. Seit ca. 25 Jahren werden solche Programme aufgelegt und der Gesundheitszustand der Kinder wird, glaubt man entsprechenden Studien, dennoch immer schlechter.

Als weiteres Beispiel sei auf die Verabsolutierung des Sieges in den Organisationen des Leistungssports und den Medien („Medaillenspiegel“) bei gleichzeitiger „Bekämpfung“ des Dopings hingewiesen.

 

FRAGE: Wo liegen im Sport die Kompetenzschwerpunkte eines Bildungsberaters? Und wo kann er diese Kompetenz erwerben bzw. verbessern?

 

PROF. DR. PROHL: Die Kompetenzschwerpunkte liegen zum einen in dem oben erläuterten Verständnis der spezifischen Bildungspotenziale des Sports. Darüber hinaus ist es wichtig, dass der Bildungsberater zwischen technischer und praktischer Beratung zu unterscheiden vermag.

Technische Beratung bezieht sich auf die Frage, welche Mittel geeignet sind, um einen vorgegebenen Zweck zu erfüllen (z.B. welche Fördermaßnahmen im Nachwuchsleistungssport sind geeignet, damit Deutschland im Medaillenspiegel eine führende Position einnimmt?).

Praktische Beratung bezieht sich auf die Frage nach dem Sinn der Zwecksetzung (z.B. welche Bedeutung sollte der Medaillenspiegel für die Zivilgesellschaft in Deutschland haben?).

Gerade die praktische Beratung, also die Fähigkeit, vermeintlich „selbstverständliche“ Zwecksetzungen auf ihren Sinn zu hinterfragen, ist im Rahmen einer „lernenden Organisation“, die sich der Bildung verschrieben hat, von großer Bedeutung.

 

Die Fragen stellte Hanspeter Detmer (Köln) im Auftrag der Führungs-Akademie des DOSB