Nachrichten der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes

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27. Juni 2014

Selbstkritisch, engagiert und zugleich getragen von Zuversicht: Alfons Hörmanns Kölner Sportrede zu den Perspektiven des organisierten Sports in Deutschland

Jürgen Roters, Oberbürgermeister der Stadt Köln, und Bernd Neuendorf, Staatssekretär im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, haben es bei ihren Begrüßungsansprachen anlässlich der von der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes initiierten 7. Kölner Sportrede geahnt: „Schon in der Vergangenheit gingen von der Kölner Sportrede viele Impulse für die sportpolitische Diskussion in Deutschland aus. Ich denke, dass auch der neue DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann als siebter Kölner Sportredner viele Denkanstöße initiieren wird.“

Tatsächlich waren sich im Historischen Kölner Rathaus die mehr als 250 geladenen Gäste aus Politik, Wirtschaft und Sport rund eine Stunde später sicher: Vor allem, was das Innenleben des deutschen Sports anbetrifft, hat der neue DOSB-Präsident Hörmann auf viele Dinge hingewiesen, die selbstkritischen Nachdenkens und gegebenenfalls entsprechender Reformen bedürfen.

Von den Medien, die umfangreich nach Hörmanns erstem halben Präsidentenjahr über dessen  Einschätzung der aktuellen Situation des deutschen Sports berichteten, wurde vor allem Hörmanns kritische Betrachtung des Ost-West-Verhältnisses knapp 25 Jahre nach dem Ende der deutschen Teilung aufgegriffen. „Die Einheit des deutschen Sports gerät in Gefahr auseinander zu brechen. Schärfer werdende Trennlinien zwischen Bundesländern, Sportarten und deren Leistungsstützpunkten müssen sofort gestoppt werden“ heißt es beim Sportinformationsdienst (sid), der seinem Bericht die Überschrift gab: „DOSB-Chef Hörmann fürchtet um die Einheit des Sports“.

Der Konflikt unter den Rodlerinnen und ihren Stützpunkten im Zusammenhang mit den Winterspielen in Sotschi war dem Wintersport affinen DOSB-Präsidenten gehörig unter die Haut gegangen. Auch das (Doping)-Kapitel „Pechstein“ sieht er noch nicht abgeschlossen. Eine Korrektur der Bewertung - Täter oder Opfer - hält er für nicht ausgeschlossen. Auf keinen Fall wolle er Unrecht, gleich wem es widerfährt, mittragen. Auch die Affäre Sachenbacher-Stehle bedürfe  noch einer sensibleren Nachbetrachtung.

„Was bewegt die Deutschen?“ hatte Alfons Hörmann seine Grundsatzrede nach einem halben Jahr DOSB-Präsidentschaft zu den Perspektiven des organisierten Sports in Deutschland überschrieben. Am Ende drohten die vielen erfreulichen Erkenntnisse von den kritischen Mahnungen überlagert zu werden. Dabei hatte Hörmann gleich zu Beginn seiner Rede seine tags zuvor höchst positiven Erfahrungen bei der Eröffnung der Nationalen Spiele der geistig behinderten Sportler(innen) in Düsseldorf herausgestellt: „Wer die vielschichtige Faszination des Sports erleben will, der sollte die durch Sport verursachte Begeisterung dieser Menschen miterleben. Die Stimmung bei solchen Events lädt bei jedem Ehrenamtlichen den Akku auf. Man muss halt eben alle Seiten des Sports betrachten.“

Auf den Tag acht Jahre zuvor – am 20. Mai 2006 – seien der ehemalige Deutsche Sportbund und das NOK für Deutschland zum Deutschen Olympischen Sportbund verschmolzen. Grundlegende Zweifel an dieser selbstbestimmten, Werte orientierten und dem Gemeinwohl unserer Gesellschaft verpflichteten Organisation mit 28 Millionen in 91000 Vereinen Sport treibenden Menschen seien nicht gerechtfertigt. Hörmann: „Gerne wiederhole ich die Definition des Anfang Mai verstorbenen ehemaligen DSB-Präsidenten Manfred von Richthofen: Der organisierte Sport ist die Tankstelle unserer Gesellschaft.“ Aber sogleich folgte dann auch wieder die distanzierte Innenbetrachtung Hörmanns. Das Scheitern der Münchner Olympia-Vision mache ihn betroffen, „weil selbst Menschen, die in Sportvereinen organisiert sind, nicht auf der Seite des DOSB standen. So geraten die vielen guten Seiten des Sports in den Schatten der negativen Schlagzeilen“.

Jedenfalls soll unter seiner Führung weiterhin über den Sinn einer deutschen Olympiakandidatur gründlich diskutiert werden. Hamburg und Berlin seien im Gespräch, aber nur, wenn mit einer realistischen Unterstützung der Bevölkerung zu rechnen sei, wie Hörmann im ARD-Morgenmagazin betonte. Die Unterstützung müsse allerdings letztlich möglich sein. Denn es sei ja Fakt, dass das Interesse der Menschen in unserem Lande ungebrochen sei, wenn Sport stattfände. Zumal unsere erfolgreichen Sportler auch immer gute Botschafter Deutschlands seien. Explizit erinnerte er an das (Fußball)-Sommermärchen 2006, dass das deutsche Image international außerordentlich positiv und nachhaltig geprägt habe.

Selbstkritische Betrachtungen wünschte sich Hörmann aber auch von den Medien vor allem dann, wenn sie den Fokus auf den Spitzensport richten und nur den Medaillengewinn als Erfolg bewerten: „Wenn jemand nur 0,36 Prozent langsamer ist als der Goldmedaillengewinner, sich dann aber mit Platz fünf zufrieden geben muss, dann sollte die lange Vorbereitungszeit auf diese außerordentliche Leistung ebenfalls entsprechend gewürdigt werden“. Auch die private Wirtschaft sollte den Vorbildcharakter zielorientierter Sportler(innen) würdigen: „Ohne privatwirtschaftliche Unterstützung sind Top-Leistungen in vielen Sportarten nicht möglich.“

Aber auch hier ging Alfons Hörmann, selber ein erfolgreicher Unternehmer, die Dinge mit Augenmaß an. Die finanzielle Unterstützung eines Athleten auf dem Weg zu seinem sportlichen Ziel darf nicht dazu führen, dass langfristig „der Sport eine soziale Hängematte werde“ (Zitat des Radsport-Olympiasiegers und heutigen Vizepräsidenten des LSB Berlin, Robert Bartko). Durch zu lange geförderten Sport könne die Lebensentscheidung für die Zukunft gefährlich hinausgeschoben werden. Auch dies sei zu beachten.

Zur Zukunft des Sports gehört die Jugendförderung. Die Veränderungen der Schulsysteme in den letzten Jahren und damit verbunden oftmals die Verlängerung von täglichen Schulzeiten sind vom organisierten Sport nicht immer mit Begeisterung aufgenommen worden. Hörmann: „Unsere Gesellschaft bewegt sich. Also muss sich der organisierte Sport gesellschaftlichen und schulischen Veränderungen anpassen. In der Ganztagsschule sehe ich eher Chancen als eine Gefahr. Baden-Württemberg bietet gute Beispiele.“ Schule und Vereinssport müssten auch mit Hilfe der Landessportbünde und der Fachverbände Strukturen entwickeln, mit der Kinder und Jugendliche auch im Sport durchgängig bis in die Spitze gefördert werden könnten. Umso mehr sei es für den neuen DOSB-Präsidenten ein Ärgernis, wenn die Förderung von „Jugend trainiert für Olympia“ durch die Öffentliche Hand eingeschränkt würde. Im Gegenzug lobte Hörmann wiederum die Sportförderung von Bundeswehr, Zoll und Polizei, ohne die es die Hälfte des nicht-professionellen Leistungssports nicht gäbe.

Umdenken und ganz neue Denkansätze seien gefordert. Das Ehrenamt werde viel zu wenig gewürdigt. Dabei böte es vielen Menschen, die sich ab dem 55. Lebensjahr immer weiter von regelmäßiger beruflicher Beanspruchung entfernen, vor allem im Sport großartige und befriedigende Betätigungsfelder.
Das erste halbe Jahr seiner DOSB-Präsidentschaft habe sich Alfons Hörmann, so stellte Walter Schneeloch als Präsident des LSB-NRW und Vorstandsvorsitzender des Vereins Führungs-Akademie des DOSB fest, intensiv in der Struktur des organisierten deutschen Sports umgesehen und seinem Familiennamen alle Ehre gemacht, nämlich umgehört und zugehört. Was herausgekommen ist beschreibt Alfons Hörmann so:  „Ich habe die Bedeutung der Landessportbünde vor meiner Wahl unterschätzt. Wenn wir Vereine mit den Sternen des Sports schmücken, dann haben das auch Landessportbünde verdient, “ erwiderte Hörmann. Aber sogleich kam auch wieder die Ermahnung. Bei der Behandlung vieler Themen bewegten sich Organisationen des deutschen Sports zuweilen zu lange in einem geistigen und kommunikativen Kreisverkehr. Der Disput in Sotschi unter den Rodlerinnen, aber auch was er im Eisschnelllauf, Bobfahren und Eishockey erlebt habe, gäben ihm zu denken: „In dem einen oder anderen Verband ist die Kommunikation mit den Sportlern völlig abhanden gekommen.“ Flammend war Hörmanns Appell an die Zukunft: „Die 10- bis 14-Jährigen haben Orientierungsprobleme bei ihrem leistungssportlichen Engagement. Die meisten Sportarten tun sich schwer, ihre Möglichkeiten kommunikativ darzustellen. Nur der Fußball bietet klare Strukturen.“    [Hanspeter Detmer]