Nachrichten der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes

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07. März 2006

Zukunft des Kinder- und Jugendsports "Sport am Wendepunkt"

Eine hochkarätig besetzte Diskussionsrunde tagte bei der Führungs-Akademie, um eine Qualitätsanalyse für den Kinder- und Jugendsport zu starten. Die Sportjugend NRW, die Deutsche Sportjugend und das NRW-Innenministerium hatten zu dieser "profunden Veranstaltung" (Manfred Palmen, als NRW-Staatssekretär für den Sport zuständig) geladen. Professor Dr. Rauschenbach (Direktor des Deutschen Jugendinstituts), und Professor Brettschneider (Universität Paderborn) führten die Runde der zwei Dutzend Prominenten an.

 

Vielleicht brachte es Michael Weiß von der Deutschen Turnerjugend am besten auf den Punkt: "Die Schlacht wird vor Ort geschlagen." Zugegebenermaßen: die Anleihe aus der Welt der Kriege scheint - übertragen auf den Sport - etwas überzogen zu sein. Aber ist es nicht doch so: wie im Schlachtengetümmel ist der Sportbetrieb an der Basis oft von vielen Unwägbarkeiten, Improvisationen und Überraschungen geprägt?

 

Und ist es nicht auch so, dass zu einer Schlacht Strategen, Politiker, die Verbände und ihre Führer, die Berater und Vordenker aus der Wissenschaft gehören? Bleibt man im Bild, so trafen sich in Köln zur Talkrunde "Zukunft des Kinder- und Jugendsports" genau diese Expertinnen und Experten, um den Blick bei der allgemeinen Unübersichtlichkeit zu schärfen.

 

Sie suchten das Gespräch, versuchten Antworten auf eine Vielfalt von Fragen: Was kann der klassische deutsche Verein - immerhin eine Konstruktion des 19. Jahrhunderts - angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts positiv zum gesellschaftlichen Wandel beitragen? Stichworte: Integration junger Menschen mit Migrationshintergrund, grassierender Bewegungsmangel und Übergewicht schon bei Jüngsten, Schule und Bildung am Scheideweg….

 

"Der Sport steht an einem Wendepunkt", diagnostizierte Professor Dr. Roland Naul von der Universität Duisburg-Essen. Es gäbe ein erweitertes Bildungsverständnis, wobei immer mehr erkannt werde, welch fundamentalen Beitrag der Sport leiste. Die Schulen hätten sich im Kontext des Ganztages geöffnet, dem Verein kämen auch dadurch neue Aufgaben zu. Das traditionelle Verständnis vom Verein löse sich auf - der Verein müsse sich zunehmend als Dienstleister verstehen. "Wir haben es mit einem historischen Bruch zu tun. Es öffnet sich ein Innovationsraum. Der Sportverein wird aber nur bestehen können, wenn er die dementsprechende Qualität bietet."

 

Die Qualitätsfrage

 

Diese zentrale Frage: "Wie kann die Qualität in den Vereinen gezielt weiter entwickelt werden?" wurde in der Domstadt heiß diskutiert. Dr. Ilka Lüsenbrink von der Sporthochschule Köln berichtete von ihren "ethnografischen Studien im Bereich des Kinderfußballs". Lüsenbrink: "Jugendtrainer haben nach meiner Beobachtung oft keinen pädagogisch-fundierten Hintergrund. Die rufen nicht aufs Spielfeld, die schreien." Sie kritisierte - wie viele ihrer Kollegen - scharf den "viel zu früh ausgeprägten Leistungsgedanken schon im Bambini-Bereich".

 

Dieses Statement forderte natürlich zum Widerspruch heraus. Peter Frymuth von der Westdeutschen Fußballjugend wies auf die "qualitativ hochwertige, systematische und flächendeckende" Jugendtrainer-Ausbildung des Deutschen Fußball-Bundes hin. Die Vereine hätten eine extrem hohe Fluktuation bei den Übungsleitern. Wenn ein Übungsleiter gerade qualifiziert sei, müsse er oftmals, z.B. beruflich bedingt, den Verein verlassen. Dann ginge die Suche von vorne los. "Auf die ehrenamtlichen Kräfte kommen immer mehr Anforderungen zu. Aber wir erfahren bei weitem nicht die Unterstützung der öffentlichen Hand z.B. beim Sportstättenbau, wie andere Institutionen bei ihren Vorhaben. Das muss sich ändern", forderte Frymuth.

 

Grundsätzlich, da waren sich alle Diskutanten einig, trage der Sportverein massiv dazu bei, dass unterschiedlichste Herausforderungen bei der Entwicklung und Bildung des Nachwuchses gemeistert werden. "Die Palette reicht von der Unterstützung beim Aufbau wichtiger Persönlichkeitsmerkmale bis zur motorischen- und gesundheitlichen Förderung der jungen Menschen. In allen Handlungsfeldern leistet der Sport Erhebliches", hob Dirk Mays, Vorsitzender der Sportjugend NRW hervor.

 

"Entwicklungsbegleiter der Kinder"

 

Dem mochte auch Professor Dr. Brettschneider nicht widersprechen. "Der Sport muss sich viel mehr als politischer Machtfaktor verstehen und sich mit Selbstbewusstsein bei der Verteilung der Ressourcen einmischen." 2001 hatte Brettschneider mit einer Aufsehen erregenden Studie die Leistungen der Sportvereine im Hinblick auf die Kinder- und Jugendarbeit kritisch unter die Lupe genommen. Mit der Qualitätsoffensive "Jugendarbeit im Sportverein" reagierte die Sportjugend NRW mit Unterstützung der Landesregierung auf die Forschungsergebnisse. Dr. Nils Neuber, Ruhruniversität Bochum, begleitete die Qualitätsoffensive aus wissenschaftlicher Sicht. Sein Fazit: "Kinder wollen Sport treiben, sie schätzen das gemeinschaftliche Erleben. Der Übungsleiter ist kreativer Arrangeur. Er muss heutzutage das sportliche Angebot inszenieren." Dr. Klaus Balster von der Sportjugend NRW ergänzte: "Wir sind die Entwicklungsbegleiter der Kinder und Jugendlichen."

 

Professor Rauschenbach, Herausgeber des 12. Kinder- und Jugendberichts, forderte zu Vernetzungen und Fusionen aller Akteure im Bereich der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit auf. "Wir sind im 21. Jahrhundert mit dem Verein in einer neuen strategischen Ausgangssituation. Keiner schafft die Herausforderungen allein. Deshalb muss der Sport bereit sein, neue Allianzen zu schmieden." Mit dieser Aufforderung schloss die Talkrunde. Rauschenbachs Statement war wiederum ein Indiz dafür, wie strategisch versiert der Sport in Zukunft agieren muss. Auch wenn die Schlacht vor Ort geschlagen wird.

 

Text: Theo Düttmann