Nachrichten der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes

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26. Februar 2014

Im Interview: Dr. Frank Vohle zu Blended Learning im Sport

An der Führungs-Akademie startet im April die erste Weiterbildung zum/ zur DOSB-Verbandsmanager/in als Blended Learning Angebot. Blended Learning – ein Begriff, der aktuell, auch im Sport, auf dem Vormarsch ist und die Bildungslandschaft verändert. Doch kaum jemand kann diesen Begriff wirklich fassen. Was steckt also dahinter? Der Antwort nähern wir uns im Gespräch mit Dr. Frank Vohle.

Dr. Frank Vohle ist promovierter Medienpädagoge und Gründer sowie Geschäftsführer der Ghostthinker GmbH, einem IT-Bildungs- und Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Social Video Learning.
Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit führte er gemeinsam mit Gabi Reimann Forschungsprojekte zum „Sozialen Wandel in der Trainerausbildung des Sports durch digitale Lernmedien“ und zur „Qualität und Evaluation von digitalen Selbstlernmedien“ durch.

RED: Blended Learning, was ist das eigentlich? Ihre Definition?

Dr. Vohle: Der Teilbegriff „Blended“ hat ja seinen Ursprung beim „Blend Whisky“, einer Mischung unterschiedlicher Whiskysorten zur Sicherung der Qualität. Was heißt das für das Lernen? Z.B. kann man die Lernphasen mischen (Präsenzlernen und Online-Lernen), oder Sozialformen (Einzel-, Gruppen- oder Partnerarbeit) oder Steuerungsqualitäten (Selbst- oder Fremdsteuerung). Der Begriff Blended Learning fordert lediglich diese Mischung ein, Umfang und Qualität werden nicht näher bestimmt, bleiben vage.

Die Herausforderung ist, eine „gute Mischung“ zu finden, wie beim Whisky, wegen des „Geschmacks“ und der „Qualität“, um in der Analogie zu bleiben. Gabi Reinmann definiert Blended Learning dann auch eher allgemein als „ein Lernen mit verschiedenen Medien und Methoden unter Einbeziehung des virtuellen und physischen Raums.“ (Reinmann) Blended Learning ist also ein methodischer Rahmen: Kreativ ausfüllen muss und darf man ihn selbst!


RED: Für welche Lerninhalte und Lehr-/ Lernziele sind solche Arrangements besonders geeignet?

Dr. Vohle: In Kürze: Alles wird blended! Selbst die aktuell so gehypten MOOCs (Massiv Open Online Courses, reine Online-Kurse mit mehreren hundert TeilnehmerInnen) wurden um einen Blended MOOC ergänzt und integrieren daher u.a. Präsenzlernen mit Online-Phasen. Die Kombination des „Besten aus zwei Welten“ bei gleichzeitiger Minimierung der jeweiligen Schwächen ist auch nicht zu schlagen und dürfte sich in der Methodenevolution durchsetzen.


RED: Was sind die Potenziale und Möglichkeiten des Lehrens und Lernens mit digitalen Medien?

Dr. Vohle: Zu allererst und vielleicht ungewohnt: Sie entschleunigen, sind „geduldig“ und ermöglichen ein Lernen in Eigenzeit. „Eigenzeit“ ist deshalb von elementarer Bedeutung, weil die äußere Zeit des Lehrens nicht mit der inneren Zeit des Lernens zusammenhängt. Digitale Medien, eingebunden in ein didaktisches Szenario, geben in der Regel Raum für diese Eigenzeit des Lernens. Sie helfen ferner bei der Konstruktion von Gedanken, z.B. wenn sog. Cognitive Tools zum Einsatz kommen (etwa Mind-Map- oder Concept Map-Programme). Sie können aber auch Gedankenaustausch der Teilnehmer(innen) fördern, das Aushandeln von Sinn unterstützen, sie sind in diesem Sinne „sozial“. Und schließlich: Sie können dabei helfen, Lernprozesse sichtbar zu machen, z.B. beim Einsatz eines E-Portfolios. Digitale Medien haben also das Potenzial, Lernen zu fördern. Entscheidend ist aber, ob dieses Potenzial realisiert wird, und das wird maßgeblich von der Didaktik beeinflusst.


RED: Im Vergleich dazu: Welchen Mehrwert bieten die Präsenzveranstaltungen?

Dr. Vohle: Ich würde es nicht gegenüberstellen: hier Präsenz, da online. Ohne Zweifel gilt aber, dass der Präsenzunterricht besonders gut dialogische Lehr- und Lernformen unterstützt, die Teilnehmer(innen) sind mit ihren Körpern anwesend, sind in der Lerngruppe „präsent“ und daraus leiten sich große Potenziale für tiefe Lernprozesse ab. Aber: Oft wird dieses Potenzial nicht realisiert, durch ausschweifende Monologe des Lehrenden, durch eine Monokultur der Methoden, eben durch zu wenig Diskurs und Konstruktion, was gute Vermittlungsphasen nicht ausschließt! Es ist z.B. fragwürdig, wenn Teilnehmer(innen) im Rahmen der Trainerausbildung einen ganzen Tag im Seminarraum sitzen, und klassische Power-Point-Vermittlung den Lernprozess bestimmt. Das sollte man anders machen.
Die Kunst eines erfolgreichen Blended Learning Angebots liegt ja in einer didaktisch sinnvollen Verknüpfung der beiden Lehr/ Lernformen. Inwiefern muss man als Lehrender, der bisher überwiegend in der Präsenzlehre tätig war, umdenken?

Nüchtern betrachtet ist der Lehrende nun auch für die Online-Phasen verantwortlich, muss also seine Betreuung zeitlich ausweiten, was ihm neben Zeit auch neue Kompetenzen abverlangt. Es ist aber nicht so, dass die Lehrenden, die sich für Blended Learning entscheiden, den „ganzen Tag am Rechner sitzen“, wie es oft vorwurfsvoll gesagt wird. Hier gilt es, klare Regeln zu setzen, z.B. was die Zeit für Online-Betreuung betrifft.

Neu ist sicher auch die erhöhte Transparenz der Lehre: Lernressourcen sind sichtbar zu machen, Aufgaben und konkrete Instruktionen sind zu explizieren, und letztlich werden Vermittlungs-, Aktivierungs- und Betreuungsprozesse offen gelegt.

Und für all diese Dinge gibt es zwei Lesarten: Bedrohung oder Chance. Für viele Bildungsverantwortliche, die ich kenne, bedeutet das Umsatteln auf Blended Learning eine große Chance, das eigene Kompetenz-Portfolio zu erweitern, die eigene Bildungsarbeit auf zukunftssichere Säulen zu stellen. Und am Ende darf man eines nicht vergessen: Es soll ja auch Spaß machen, seine Didaktik „mit neuen Mitteln“ in Gemeinschaft mit motivierten Lernenden weiter zu denken.



RED: „Problemfeld“ bzw. „Angstfeld“ Technik: Wieviel Technik ist erforderlich? Was braucht man an Know-How und Ausstattung um loszulegen (aus Sicht der Teilnehmer(innen) und Lehrenden)?


Dr. Vohle: Wir arbeiten doch alle am PC, nutzen wie selbstverständlich Smartphones und Skype, viele Facebook, Tablets und Dropbox, Tendenz steigend. Wir leben also gut und gerne mit der Technik. Nun kommt dieses „E-Learning“ und da soll alles anders sein?  Nee. Die Angst kommt nicht wegen der Technik, sondern wegen der neuen Anforderung einer sozialen Praxis, die ich als Lehrender und Lernender noch nicht kenne.

Deshalb begleiten wir Neulinge auch gerne auf den Weg in diese neue soziale Praxis, veranstalten als „Information“ einen Blended Workshop oder eine Blended Conference wie z.B. bei der DMSB-Jahrestagung 2013. Da machen alle mit, lernen das Blended Learning-Prinzip aus Präsenz und Online kennen, nutzen die Lernwerkzeuge, erhalten Feedback von Peers und Referenten. So kann jeder durch Tun und Erleben ein eigenes mentales Modell aufbauen, wie das so geht, mit diesem „E-Learning“. Meine Antworten in Kürze: Man braucht als Lernender einen PC mit Internetanschluss (gerne DSL 2000 und mehr) und als Lehrender eine Online-Lernumgebung mit einer guten Didaktik. Dann kann es losgehen.


RED: Aus Ihrer Erfahrung: Was sind die größten Stolpersteine, wenn man Blended Learning einführen möchte?

Dr. Vohle: M.E. sind hier vor allem zu nennen:
- unrealistische Erwartungen auf Seiten der Lehrenden und Lernenden
- kein didaktisches Konzept
- schlechte oder unpassende Technologie


RED: Welche drei Tipps oder Empfehlungen würden Sie jemandem geben, der ein Blended Learning Angebot konzipieren möchte?

Dr. Vohle: Eher übergeordnet:
- Erwartungsklärung in Richtung Lehr-Referenten UND Geschäftsführung

- Zeit für den Aufbau eines verbandspezifischen Didaktik-Konzepts mit Klärung der Folgekosten, aber auch Gewinne für die Organisation (Stichwort: Qualität, Attraktivität der Bildungsangebote, lernende Organisation)

- Kluge Wahl bei der Frage, ob man die E-Learning-Expertise „inhouse“ aufbaut oder sich durch eine externe Agentur helfen lässt.    


Eher speziell und das sind dann mehr als drei Tipps, sondern ehe Reihe von Fragen:
- Welche Lehr-Lernphilosophie wird verfolgt? Primär eine vermittlungs- und inputorientierte oder konstruktions- und outputorientierte? (Philosophie)

- Wie sieht die Verteilung von Online-Phasen und Präsenzphasen aus? Welche Lernzeiten stehen zur Verfügung? (Grundkonzept)

- Welche Inhalte möchte man in den Online-Phasen bearbeiten und wie sollen diese Inhalte erstellt werden? (Auswahl und Digitalisierung)

- Wie sollen die Teilnehmer(innen) aktiviert werden, um sich mit den Inhalten aktiv auseinanderzusetzen? (Aktivierungskonzept)

- Wer betreut die Lernenden? Welche Kontaktzeiten gibt es? Welche Feedbackformen gibt es? (Betreuungskonzept)

- Wie ist das Assessment gestaltet, was will man mit dem Assessement erreichen? (Selektion versus Lernen)

- Wie ist das Zusammenspiel von Online-Lernen und Präsenzlernen (Kohärenz)? 


RED: Die Ghostthinker unterstützen und beraten bereits zahlreiche Sportverbände in dem Bereich, uns (die Führungs-Akademie) ja auch. Wofür steht Ghostthinker, was macht euch bzw. eure didaktischen Lösungen so besonders?


Dr. Vohle: Ghostthinker helfen bei der Entwicklung von Qualität. Wir „denken gerne mit“, das steckt im Namen. Konkret unterstützen wir Sportorganisationen wie den DTTB, DMSB, WLSB, WFLV/LA Nordrhein und die Führungs-Akademie des DOSB, aber auch die Beko-Basketball Bundesliga bei der Entwicklung des didaktischen Konzepts, bei der Pilotierung, bei der organisationalen Implementation und beim kosteneffizienten Echtbetrieb. 


Unser Lösungsvorschlag ist eine erfahrungsgesättigte Integration aus Didaktik und spezieller Web-Technologie mit Videoschwerpunkt, beide Leistungen bündeln sich im Namen edubreak®.

Das Besondere unseres Ansatzes ist sicherlich die klare Orientierung an der Frage: Wie können wir das „reflektierte Können“ (Kompetenz) der Trainer(innen) und Sportmanager(innen) unterstützen? Diese Absicht verdichtet sich in unserem didaktischen Motto: „Reflexion durch Produktion“. All unsere Lernwerkzeuge im edubreak®CAMPUS tragen das Merkmal der Produktion, was wir mit sozialen Austausch und Feedback konzeptionell-technologisch koppeln. So entsteht Exzellenz und deshalb sucht man uns auf.

RED: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Sandra Werner (FA)

Weitere Informationen rund um das Thema „Digitale Medien und Bildung im Sport“ sowie den aktuellen Stand der ersten „offiziellen“ Diskussionen finden Sie auch im SALTO-Blog, unter http://www.salto-dosb.de/de/salto/salto-blog/blog/.