Nachrichten der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes
13. November 2013

Im Interview: Prof. Dr. Lutz Thieme zur Frage 'Was ist der Kern eines Sportvereins'

Prof. Thieme, Studiengangleiter Sportmanagement am ISS der Hochschule Koblenz, war einer der Hauptredner auf der DOSB Bundeskonferenz „Lust auf Sport und Gemeinschaft - Mitgliederentwicklung im Sportverein“ am 11. und 12.10.2013 in Berlin.

Im Rahmen seiner Forschungsschwerpunkte, darunter die Sozioökonomie von Sportvereinen und die Ökonomie der Sportförderung, beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit Fragen der Sportvereins- und verbandsentwicklung. Als Vorsitzender des SSF Bonn 1905 e. V. kennt er darüber hinaus zugleich auch die Perspektive eines ehrenamtlichen Vereinsvorsitzenden. 



RED: Der Sportverein ist nach wie vor – so eine zentrale Charakterisierung seiner Bedeutung auf der Bundeskonferenz – die Keimzelle des organisierten Sports in Deutschland. Was ist für Sie als Wissenschaftler und zugleich auch als Vereinsvorsitzender der Kern des Sportvereins?

Prof. Thieme: Zunächst als Wissenschaftler: Der Kern des Sportvereins ist, dass die Mitglieder gemeinsame Interessen verfolgen. Dafür legen sie Ressourcen, vor allem Mitgliedsbeiträge und ehrenamtliches Engagement, zusammen und bestimmen  – in der Regel in der Mitgliederversammlung – gemeinschaftlich über die Verwendung dieser Ressourcen. Ähnlich würde ich den Kern des Vereins auch aus dem Blickwinkel des Vereinsvorsitzenden beschreiben. Den Kern des Sportvereins bilden solche Menschen, die für ihren Sport brennen und aus diesem inneren Antrieb heraus nicht fragen, was der Verein für sie leistet, sondern dafür sorgen, dass es den Verein, die jeweilige Sportart und das jeweilige Angebot auch morgen noch gibt.


RED
: In der Konferenz ist ja von unterschiedlichen Facetten von unterschiedlichen Personen aus ihren Funktionen und Blickwinkeln heraus, die Entwicklung des Sportvereins beschrieben worden. Was ist ihr Fazit der Bundeskonferenz Sportentwicklung? Was haben Sie mitgenommen?

PROF. Thieme: Der Sportverein lebt, er ist vital und er hat einen Platz in unserer Gesellschaft, egal wie sich diese Gesellschaft wandeln wird. Der Sportverein ist Meister darin, sich in verschiedenen gesellschaftlichen Bezügen zu behaupten. Man darf aber die Leistungsfähigkeit der Sportvereine nicht mit gesamtgesellschaftlichen Aufgaben überfrachten.


RED: Die Notwendigkeit, sich zu verändern, wird auf der einen Seite beeinflusst von der gesellschaftlichen Entwicklung, auf der anderen Seite aber auch von sportimmanenten Faktoren wie den Sportverband. Eine Ihrer zentralen Thesen auf der Bundeskonferenz war, dass sich die Logiken der Vereine und Verbände deutlich voneinander unterscheiden. Worin bestehen diese Unterschiede?

Prof. Thieme: Die Verbände sind ursprünglich gegründet worden, um einheitliche Wettkampfregeln zu entwickeln und zu überwachen sowie den Wettkampfbetrieb zu organisieren. Dafür erhielten die Verbände die Beiträge ihre Mitglieder, also der Vereine. Heute ist eine Differenz zwischen den Mitgliedschaftsrechten und der Finanzierung der Verbände festzustellen, da die Verbände nur noch zu einem geringen Anteil durch ihre Mitglieder finanziert werden. Jeder, der im Verband Verantwortung trägt, muss jetzt natürlich den Spagat hinbekommen: Zum einen hat er die Interessen seiner Mitglieder wahrzunehmen, auf der anderen Seite muss er versuchen, auch die Interessen derer zu verwirklichen, die das Geld geben und damit die Ressourcen zur Verfügung stellen. Das ist vor allem die öffentliche Hand, die mit der Finanzierung auch Interessen verbindet. Insofern ist die Logik des Sportvereins sehr auf sich selbst – auf die Interessen seiner Mitglieder – bezogen, während die Logik des Verbandes der Spagat zwischen den Interessen der Vereine und der Ressourcengeber ist. Dies gilt auch für die Verbünde, auch wenn diese natürlich nicht den historischen Aufgabenkanon der Verbände aufweisen.



RED: Wenn die Interessenlage so ist, wie Sie sie beschreiben, was bedeutet das aus Ihrer Sicht für die Kommunikation und die Zusammenarbeit von Vereinen und Verbänden?

Prof. Thieme: Die Vereine müssen sich daran gewöhnen, dass die Verbände nicht ausschließlich die Interessen der Vereine verfolgen können und die Verbände müssen zur Kenntnis nehmen, dass ihre Wünsche und Anforderungen an die Vereine, gespeist insbesondere durch eigene Überlegungen oder übermittelte Interessen seitens der Geldgeber, von den Vereinen nicht eins zu eins umgesetzt werden. Je größer die Differenz ist zwischen den ursprünglichen Interessenslagen in den Vereinen – also den mitgliedergeführten Interessen – und den Anforderungen, die die Verbände an die Vereine stellen, umso schwieriger wird es den Vereinen gemacht, die an sie herangetragenen Anforderungen anzunehmen, desto stärker sperren sie sich gegen die Umsetzung der ihnen zugedachten Aufgaben.


RED
: Glauben Sie, dass dies eine Entwicklung ist, die eher zunehmen wird oder haben Sie den Eindruck, dass diese unterschiedlichen Logiken sich verringern oder überwunden werden können?

Prof. Thieme: Letzten Endes steht die Frage dahinter, wie sich Verbände künftig finanzieren werden. Da denke ich, dass zwei Aspekten besondere Bedeutung zukommt. Dies ist zum einen die Finanzierung des Leistungssports. Der DOSB strebt dabei aktuell einen Ausbau seiner Managementfunktion im Leistungssportbereich - gekoppelt mit einer zentralen Ressourcenausstattung durch das Bundesinnenministerium - an. Ein solches zentrales Steuerungssystem wird derzeit jedoch gebrochen durch die Funktion der Sportvereine als erste Anlaufstelle für sportliche Talente, als Erstausbildung in den Sportarten, als Sozialressource beim Übergang in eine leistungssportliche Laufbahn sowie als bedeutender Finanzier der Teilnehmer am Wettkampfsystems im Kinder- und Jugendbereich.

Es wird ganz spannend zu sehen sein, ob es zu einer stärkeren zentralen Finanzierung und Organisation des Leistungssportsystems kommen wird - bis hin zu einer vollständige Entkopplung. Die hätte gravierende Veränderungen im Verhältnis zwischen Vereinen und Verbänden und Verbünden zur Folge. Zum anderen kann die Finanzknappheit der öffentlichen Haushalte aber auch dazu führen, dass die Finanzausstattung der Verbände und Verbünde rückläufig ist. Dann müssen sich die Vereine überlegen, ob sie die Verbände wieder stärker aus eigenen Mitteln ausstatten wollen, – was zugleich die Lücke zwischen Mitgliederinteressen und Finanzierung derjenigen, die diese Interessen umsetzen sollen, verringern würde.


RED: Welchen Rat würden Sie Sportvereinen für eine erfolgreiche Entwicklung geben?

Prof. Thieme: Ein erfolgreicher Sportverein ist ein Sportverein, der es schafft, die Interessen seiner Mitglieder in seinem Angebot umzusetzen. Dies bedarf keines ständigen Mitgliederwachstums. Es nützt einem Sportvereines nichts, Mitglieder in den Sportverein zu integrieren, die nicht bereit sind, den notwendigen Ressourcenmix aus Mitgliedsbeiträgen und ehrenamtlichem Engagement einzubringen. Diese Mitglieder profitieren von den Leistungen in stärkerem Maße als andere. Dies führt ab einer gewissen Spanne zu einer Entsolidarisierung innerhalb der Mitgliederschaft. Engagierte Mitglieder fühlen sich unfair behandelt und reduzieren ihr Engagement.

Insofern würde ich den Sportvereinen empfehlen, neue Angebote zu kreieren, aber diese Angebote auch deutlich davon abhängig zu machen, ob sie von den Mitgliedern getragen werden,  ob also genügend Mitglieder bereit sind, diese Angebote über ihre ehrenamtliche Tätigkeit dauerhaft im Verein zu integrieren. Falls das nicht der Fall ist, haben solche Angebote einen Dienstleistungscharakter für Dritte. Ein Verein sollte solche Dienstleistungsangebote offerieren, wenn damit ein Überschuss zu erzielen ist, der dann wiederum für die mitgliedergetragenen Bereiche eingesetzt werden kann.

RED: Vielen Dank für das Gespräch!