Nachrichten der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes

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01. Mai 2010

„Soziales Engagement braucht die Kraft eines kommerzialisierten Sports“: DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger hielt die 4. Kölner Sportrede

Foto: A. Bowinkelmann

Der Hansasaal aus dem 14. Jahrhundert, in dem 2006 der damalige Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble die Premierenrede gehalten hatte, wäre auch für die 4. Kölner Sportrede der angemessene Ort gewesen. „Das gesellschaftspolitische Markenzeichen der Sportstadt Köln“, so Walter Schneeloch als Vorstandsvorsitzender des Vereins `Führungs-Akademie des DOSB’, bei seiner Vorstellung des vierten Sportredners, Dr. Theo Zwanziger, hätte jedoch die Kapazität des Herzstücks des historischen Kölner Rathauses gesprengt. Mehr als 230 Gäste aus Sport, Politik, Wirtschaft, Kultur wollten den Brückenschlag des Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes zwischen Kommerzialisierung und sozialem Engagement miterleben.

Kölns neuer Oberbürgermeister, Jürgen Roters, der erst kurz vor Beginn der Veranstaltung aus den USA kommend wieder in Köln eingetroffen war, spannte in seiner Begrüßung den Bogen zwischen Kommerzialisierung und dem sozialen Anspruch des Sports auch vor dem Hintergrund seiner eigener Erfahrungen und Eindrücke. So beeindruckend eine Sport- und Eventhalle mit einer Kapazität von mehr als 70.000 Zuschauern, wie in Indianapolis gesehen, auch sei, so sei doch auch zu fragen, welche Rolle der Sport in einem solchen Konzept noch spiele. Gleichzeitig böte eine solche Halle aber auch Möglichkeiten zur Verbesserung der Infrastruktur und zur Stärkung der regionalen Bindung – Wirkungen, die trotz der Größenunterschiede ja auch für die Kölner Lanxess Arena zu konstatieren seien.

Die nächste Vorlage gab dann NRW-Innen- und Sportminister Dr. Ingo Wolf dem vierten Kölner Sportredner zu: „Der Sport ist Teil einer gesellschaftlich verbindenden Kraft, die gleichermaßen soziale und ökonomische Chancen öffnet.“ In diesem Zusammenhang verwies Dr. Wolf u.a. auch auf das große Engagement des DFB im Bereich des Mädchen- und Frauenfußballs, das ohne die Gelder aus dem professionellen Fußball kaum möglich wäre.

Die Erwartungen an die Rede Dr. Zwanzigers waren – genährt gerade auch durch die mit seinem Namen verbundenen sozialen Initiativen – hoch. So hatte Walter Schneeloch, der Vizepräsident Breitensport und Sportentwicklung des DOSB, die Anwesenden mit der Formulierung begrüßt: „Das Aufzeigen des Spannungsfeldes ‚Sport zwischen Kommerzialisierung und sozialem Engagement’ wird sicherlich gesellschaftspolitische Impulse setzen. Schließlich entfaltet der Sport erst im Zusammenwirken der unterschiedlichen Säulen seine Kraft. Würde sich eine der Säulen daraus verabschieden, würde der Sport seine Kraft verlieren. Würden die wirtschaftlichen Interessen alleine überwiegen, würde der Sport nicht mehr das sein, was er ist: Sport als Spiel, als Lebensfreude und als Lebenserfahrung.“

Dankbar nahm Fußball-Präsident Dr. Theo Zwanziger die ihm zugespielten Pässe auf: „Natürlich bin ich Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Aber es geht mir bei meinen Gedanken , die ich gleich äußern werde, letztlich um den Gesamtsport, der mich von Kind auf begleitet hat.“ Wie wichtig ihm das Bekenntnis zum Sport über den Fußball hinaus ist, zeigte sich auch, als er nach seiner Rede die Leichtathletiklegende Manfred Germar traf: „Er war ein Sportidol meiner Jugendzeit.“

Zwischen die Brückenköpfe der Sportrede – hier Kommerz, dort soziales Engagement – passten viele Schlagworte. Beispiel „Gerechtigkeit“: Zwanzigers Wertschätzung des gesamten Sports klang glaubhaft. Er verwies auf die höchst unterschiedliche Aufmerksamkeit, die die Medien, insbesondere das Fernsehen, den diversen Sportarten widmen. Wenn man die erbrachten Leistungen vergleicht, dann sei die mediale Wiedergabegewichtung oftmals ungerecht. Selbst im Fußball gäbe es Differenzen. Wenn das Fernsehen für ein Länderspiel der Männer 4,1 Millionen EURO bezahle und für ein Länderspiel der Frauen nur einen niedrigen sechsstelligen EURO-Betrag bereithalte, dann lasse das durchaus Gedanken an eine Störung des Gleichgewichts aufkommen.
Dass sportliche Leistungen honoriert werden, das hat der Deutsche Fußball-Bund offiziell seit 1932 akzeptiert. Zwanziger: „Ehrlichkeit auch im Umgang mit wirtschaftlichen Dingen ist auf Dauer besser als Scheinheiligkeit.“ Was den Profi-Fußball aber nicht vor Auswüchsen schützt. „Natürlich führt die Kommerzialisierung im Sport, gerade im Fußball, auch zu sehr negativen Entwicklungen und Übertreibungen, die wir nicht leugnen dürfen. Die steigenden Gehälter der Spitzenfußballer sind genauso inakzeptabel wie übertriebene Vermarktungsprozesse und die ständig wachsende Anzahl von Werbebotschaften innerhalb und mittendrin im Wettbewerb.“

Einen besonders schwierigen Spagat zwischen Tradition, sozialen Werten und kommerzieller Nutzung zeigte Dr. Zwanziger im Zusammenhang mit Namensgebungen auf. „Heißen die Vereine  in Deutschland künftig nicht mehr TuS, oder VfL oder VfB, sondern tragen sie stattdessen Firmennamen durch die Gegend? Wie belastbar sind wir in unserem eigenen Regelwerk? Was können wir selbst entscheiden?“ In welchem Maße der Sport in der Zukunft den Rahmen der Kommerzialisierung und Vermarktung gemäß eigener Wertvorstellungen festlegen könne, da wollte sich der DFB-Präsident jedenfalls nicht festlegen.

Das trifft auch auf die Namensgebung von Sportarenen zu – hier Allianz-Arena, dort Fritz-Walter-Stadion. Eine ganz schwierige Gratwanderung zwischen einem wirtschaftlichen Wert   der sportlichen Konkurrenzfähigkeit eines Vereins   und den Grundwerten des Sports, wie Vorbildwirkung, Respekt, Anstand. „Man muss, so Zwanziger, „einfach Lösungen finden, die wirtschaftliche Entwicklungen möglich machen, aber die Tradition nicht zerschlagen“.

So weit ist sich der DFB-Präsident sicher: „Der Verzicht auf kommerzielle Betätigung im Sport ist ein Irrweg. Der Sport muss allerdings glaubwürdige Produkte schaffen und präsentieren, wenn er am Wirtschaftsleben teilnimmt.“
Das kommerzielle Agieren des Sports hat ja auch gesamtgesellschaftlich positive Aspekte: Alleine der Profifußball in Deutschland zahlt 1,5 Milliarden Euro Steuern. Und mit seiner Hilfe werden 110.000 Arbeitsplätze gesichert.
Schlagwort Gemeinnützigkeit: Plakativ stellt Dr. Zwanziger fest: „Sport hat eine unvorstellbare soziale Kraft.“ Als Beleg für seine Behauptung verweist er u.a. auf die Stiftungen, die unter dem Dach des DFB geführt werden: die Sepp-Herberger-Stiftung, die Egidius-Braun-Stiftung oder neuerdings die Robert-Enke-Stiftung. Damit wird dem Behindertensport geholfen, geben Fußballer straffällig gewordenen jugendlichen Frauen und Männern neue Perspektiven, werden kulturelle Aktivitäten unterstützt und werden Krankheitsbilder, wie das der „Depression“, erforscht, die bislang nur wenig öffentliches Interesse erfahren haben.

Ist es ein Widerspruch, wenn ein gemeinnütziger Verein oder Verband kommerziell aktiv wird? Zwanziger: „Nein. Es kommt auf die Verwendung der kommerziell erwirtschafteten Mittel an. Mit neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten kann der Sport seiner gesellschaftlichen Verantwortung nachzukommen.“
Natürlich hat der Sport erzieherische Funktionen. In diesem Zusammenhang zitiert Dr. Zwanziger den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: „Sport vermittelt Kindern und Jugendlichen den Sinn vernünftiger Regeln“.  Ohne die Einhaltung von Regeln, ohne Fair Play, ohne respektvollen Umgang können weder die Sportfamilie noch die Zivilgesellschaft funktionieren. Und der Sport kann Gefahren abwehren. Dazu gehören u.a. Gewalt, Diskriminierung, Manipulationsversuche. Das gelingt aber nur, wenn er Werte orientiert ist.

Schließlich sprach Dr. Theo Zwanziger allen aus der Seele, die mit der Kölner Führungs-Akademie des DOSB zuständig sind für die Verbreitung von Bildung und Wissen auch über den engen Rand der Sportregeln hinaus: „Wir kennen die Bedeutung des Ehrenamts. Die Ehre, eine Aufgabe wahrzunehmen für Dritte, hat etwas mit Bildung und Wissen zu tun. Ein Ehrenamtler, der nicht davon überzeugt ist, dass er die Aufgabe, die er ausüben soll auch kann, der das notwendige Wissen nicht hat, der die notwendige Bildung nicht besitzt, der wird sein Ehrenamt objektiv nicht gut ausfüllen können. Und es wird ihm letztlich auch irgendwann keinen Spaß mehr machen. Und deshalb ist es auch sehr wichtig“ – so der Festredner am Schluss seiner mit viel Beifall bedachten Rede, „dass wir alle Qualifizierungsoffensiven umsetzen.“
(Hanspeter Detmer)