Wie geht ein Spitzenverband mit der aktuellen Krise um - 4 Fragen an Soenke Lauterbach (FN)

Im Interview des August/September-Newsletters widmen wir uns der Frage, was unsere Vereine und Verbände gerade bewegt und befragen dazu Soenke Lauterbach, Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN).

Red: Die aktuelle Krisensituation beschäftigt den organisierten Sport nach wie vor. Mit welchen Themen treten Ihre Mitgliedsorganisationen an die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) heran und wie können Sie als Dachverband Unterstützung leisten?

S. Lauterbach: Die Auswirkungen und Herausforderungen der Corona-Pandemie überschatten dieses Jahr – und wohl noch länger – alles andere. In den Monaten März bis Juli etwa waren wir in ganz großem Umfang Anlaufstelle für Vereine, Pferdebetriebe und Pferdeleute. Sie alle wollten wissen, wie es nun weitergeht.
Wir haben daher unsere Informationsarbeit ganz schnell darauf eingestellt und unsere Telefon- und E-Mail-Hotlines mit mehr Personal besetzt. Zudem haben wir die regionalen Bestimmungen und Vorschriften täglich überprüft und aktualisiert. Innerhalb von Tagen standen erste Leitfäden für die Notversorgung von Pferden zur Verfügung, die wir auch mit den Ministerien abgestimmt hatten. Denn unsere Sportstätten konnten wir nicht einfach schließen – um die Pferde musste sich ja jemand kümmern! Mitte April gaben wir Leitfäden für den Wiederbeginn von Training, Unterricht und Veranstaltungen heraus, die bundesweit gut genutzt wurden und werden.
Auch wenn wir Verbände nicht immer den Ruf haben, schnell, hilfreich und serviceorientiert zu sein, so ist es uns in dieser Krise doch gelungen, für unsere Mitglieder da zu sein und schnelle Hilfe anzubieten. Das wurde von vielen sehr geschätzt.
Der Fokus liegt jetzt auf der Zukunftsplanung. Viele, viele Veranstaltungen, die das Rückgrat des Sports sind, fallen aktuell aus und könnten auch langfristig wegbrechen. Der Sport wird sich verändern, weil sich die finanziellen Rahmenbedingungen ändern. Und darauf müssen wir uns vorbereiten und mit passenden Systemen steuern und begleiten.

 

newsItem.mediaNonPreviews.0.alternative

 

Red: Wie sicher manövrieren Sie durch die aktuelle Krise? Konnten Sie als Verband auf ein existierendes Krisenmanagement mit Plänen und Strategien zurückgreifen, oder wurden diese erst im Zuge der Pandemie entwickelt?

S. Lauterbach: Wir haben seit Jahren übergreifende Krisenpläne für verschiedene Szenarien. Diese Szenarien waren aber eher Bereiche wie schwere Unfälle, Zusammenbruch technischer Systeme oder Manipulation/Doping. Auf diesen gesamtgesellschaftlichen Lockdown waren wir nicht in der Form vorbereitet. Das war im Bereich des Sportes wohl nur die DLRG, die in Krisen hilft. Leidvolle Erfahrungen aus früheren Jahren haben uns aber geholfen, uns schnell zu sortieren und dann schnell zu agieren. Jede Abteilung bei uns hat schließlich nach einem Corona-Krisenplan operiert. Nun kommen wir langsam wieder in normaleres Fahrwasser zurück, können bei Bedarf aber jederzeit wieder auf diese Pläne zurückgreifen. Im Grunde ist es aber am wichtigsten, dass wir mit unseren Landesverbänden den Vereinen und Betrieben vor Ort helfen, solche Pläne für sich zu erstellen. Denn dort an der Basis findet der Sport statt. Und wenn das nicht mehr geht und Vereine/Betriebe aufgeben müssen, dann hat der ganze Sport ein Problem.

Red: Alle sprechen davon, dass die Coronakrise eine Digitalisierung unserer Gesellschaft massiv vorangetrieben hat. Ist die FN ebenfalls digitaler geworden?

S. Lauterbach: Einen großen Schritt haben wir – wie alle anderen auch – in Sachen Arbeitsorganisation gemacht. Die technischen Systeme für Homeoffice wurden schnell erweitert. Sitzungen fanden auf einmal ausschließlich in Digitalkonferenzen statt. Unsere ohnehin schon starken digitalen Kommunikationskanäle haben in der Coronazeit abermals einen richtigen Schub erlebt. Da wir wissen, dass die Menschen leider immer weniger lesen haben wir wichtige Informationen als Videobotschaften produziert. Und meine ersten Podcasts habe ich auch gemacht. Ein anderes Beispiel: innerhalb von einigen Wochen haben wir „FNLevelUp“ entwickelt. Damit können Reiter/-innen eine Onlinebeurteilung ihrer Trainingsleistung von anerkannten Expertinnen und Experten über eingereichte Videos bekommen.

Red: Wie blicken Sie insgesamt auf die derzeitige Situation und wie geht es jetzt mit dem Pfedersport weiter?

S. Lauterbach: Das wirtschaftliche Umfeld ist in unserem Sport relevant, denn Pferdehaltung und Reiten sind nicht eben billig. Ich erwarte also in den nächsten Jahren erst einmal kein (Mitglieder-)Wachstum. Als Gesamtverband werden wir durch eine Phase der Konsolidierung gehen und müssen uns, Dachverband und Mitgliedsverbände, gemeinsam auf die wichtigsten Schwerpunktthemen fokussieren. Denn wir müssen auch mit finanziellen Rückgängen rechnen. Andererseits lieben die Menschen ihren Partner Pferd und werden ihn nicht einfach aufgeben. Lieber trennen sie sich von anderen Hobbies, machen keinen Urlaub oder, oder. Mut hat mir die große Solidarität innerhalb der Vereine und der Reiterszene gemacht. Ich glaube, viele Menschen sind wieder ein Stück zusammengerückt. Viele Reiterinnen und Reiter erkennen jetzt, dass ehrenamtlich organisierte Veranstaltungen oder auch das Vereinsleben eben nicht selbstverständlich sind. Das wird allgemein gerade viel mehr wertgeschätzt, was mich sehr freut und auch wieder optimistsich stimmt.