Forum der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes

Interview mit Christian Ude aus Anlass der 5. Kölner Sportrede: „Sport und Kommune“ (Köln, 4.4.2011)

Foto: A. Bowinkelmann


Das Interview wurde vom Handelsblatt zur Nutzung auf der Website der Führungs-Akademie zur Verfügung gestellt. Wir danken für die Freigabe.

 


05.04.2011 [www.Handelsblatt.com]
"Ein negatives Votum wäre ein schwerer Rückschlag"

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude will die Olympischen Winterspiele 2018 unbedingt in seine Stadt holen. Doch leicht wird das nicht. Im Interview attackiert er die Olympia-Gegner scharf, spricht Ude über Windschatten-Taktik, fehlende Millionen in der Bewerbungskasse und seine Sorgen vor dem Bürgerentscheid in Garmisch-Partenkirchen - und erklärt, warum er den Vergleich zu Stuttgart 21 für unangemessen hält.


FRAGE: Herr Ude, Sie fliegen nach London zu einer der letzten Präsentationen Ihrer Olympia-Bewerbung. Fällt Ihnen vor ausländischen Fachleuten die Überzeugungsarbeit leichter als vor Kritikern in der Heimat?

CHRISTIAN UDE: Wir spüren im Ausland bei jeder Präsentation eine große Sympathie, viele Gesprächspartner schwärmen regelrecht von München, Bayern und dem Alpenraum. Deutlich schwieriger sind da die Gespräche mit Umweltschützern in Deutschland, die lediglich ein Vorurteil pflegen und die ökologischen Vorteile einfach nicht zur Kenntnis nehmen.

FRAGE: Ihre Kritiker sitzen vor allem in Garmisch und haben erreicht, dass dort am 8. Mai ein Bürgerentscheid über die Beteiligung an der Olympia-Bewerbung abgehalten wird. Könnte dieser Tag das vorzeitige Aus von München 2018 bedeuten?

CHRISTIAN UDE: Wir sind sehr zuversichtlich, dass sich eine breite Mehrheit für Olympia aussprechen wird. Juristisch gesehen kann die Abstimmung gar nicht das Aus für die Bewerbung bedeuten. Die Verträge sind alle längst unterzeichnet, das kann man nicht einfach wieder zurücknehmen.

FRAGE: Also besteht keine Gefahr?

CHRISTIAN UDE: Ein negatives Votum wäre natürlich ein schwerer Rückschlag. Unsere Mitbewerber könnten dann sagen: Die Olympischen Spiele sind dort ja gar nicht willkommen. Das würde uns ganz schlimm zurückwerfen. Deshalb darf das nicht passieren.

FRAGE: Hat die Diskussion um Stuttgart 21 nicht gezeigt, dass man die Bürger viel früher in ein solches Großprojekt hätte einbinden müssen?

CHRISTIAN UDE: Ich sehe den Vergleich zu Stuttgart 21 überhaupt nicht. Als die Evaluierungskommission des IOC in München zu Gast war, haben die Olympia-Gegner zu einer Demonstration aufgerufen. So ein klägliches Häuflein habe ich auf dem Marienplatz noch nie gesehen. Der geballte Widerstand der Olympiakritiker wirkte wie eine verirrte Schulklasse. Wir wollen neue Wohnungen bauen, die wir dringend brauchen, und zwei neue Hallen, die noch lange genutzt werden können. Ansonsten ist ja vom Olympiapark in München bis zur Skischanze in Garmisch-Partenkirchen schon alles vorhanden. Da von einem Großprojekt zu reden, an dem sich die Bevölkerung reiben müsse, ist wirklich unzutreffend.

FRAGE: Immerhin müsste der Staat für die neue Infrastruktur 1,6 Milliarden Euro ausgeben.

CHRISTIAN UDE: Die Stadt München und ganz Bayern würden aber noch jahrzehntelang von den Olympischen Spielen profitieren. Wir würden nicht nur neue Wohnflächen im Olympischen Dorf bekommen, auch der Ausbau des S-Bahn-Systems würde sich dadurch beschleunigen. Für den Tourismus wäre Olympia jahrelang ein gewaltiger Auftrieb. Das sind auch keine übertriebenen Hoffnungen. Wir in München wissen, wovon wir reden: Wir haben das nach den Sommerspielen 1972 bereits alles selbst erlebt.

FRAGE: Ihre Bewerbergesellschaft tut sich trotzdem schwer, die Wirtschaft hinter die Kandidatur für 2018 zu bekommen. Im veranschlagten Budget von 33 Millionen Euro klafft noch immer eine große Lücke.

CHRISTIAN UDE: Gut vier Millionen Euro fehlen uns, wobei das letzte Wort da noch nicht gesprochen ist. Wir sind mit einem bedeutenden Unternehmen als weiteren Geldgeber in konkreten Gesprächen. Außerdem verhandeln wir mit bestehenden Sponsoren darüber, zugesagte Sachmittel in finanzielle Unterstützung umzuwandeln, um den Finanzbedarf zu reduzieren.

FRAGE: Viel Zeit bleibt Ihnen dafür nicht mehr.

CHRISTIAN UDE: Das ist richtig, die Zeit verrinnt allmählich. Sehr viel größere Hoffnungen, die über die beiden angesprochenen Vorgänge hinausgehen, haben wir deshalb nicht mehr.

FRAGE: Wenn am Ende der Bewerbung ein Verlust übrig bleibt, kommen öffentliche Mittel zum Einsatz. Ursprünglich hatten Sie versprochen, kein einziger Euro an Steuergeldern würde in die Bewerbung fließen.

CHRISTIAN UDE: Das war kein Versprechen, das war ein Ziel. Wir haben gesagt, wir bemühen uns, es mit privater Finanzierung zu schaffen. Das ist uns zu 90 Prozent auch gelungen, obwohl wir die Gelder mitten in der Finanzkrise einwerben mussten.

FRAGE: Ein großer Teil der Sponsoren-Gelder stammt allerdings von halbstaatlichen Firmen wie der Messe München und dem Flughafen – und nicht aus der Privatwirtschaft.

CHRISTIAN UDE: Es ist doch selbstverständlich, dass auch öffentliche Unternehmen, die eine große internationale Relevanz haben wie die Messe und der Flughafen, hier einsteigen. Der Flughafen würde einer der Hauptprofiteure von Olympischen Spielen sein. Als Politiker wären wir doch auch unglaubwürdig, wenn wir private Firmen in die Pflicht nehmen würden, und sich gleichzeitig die Unternehmen, in deren Aufsichtsräten wir sitzen, nicht engagieren würden.

FRAGE: Am 6. Juli fällt die Entscheidung, wer Olympia 2018 ausrichten darf: Annecy, Pyeongchang oder München. Auf welchem Platz biegt München auf die Zielgerade?

CHRISTIAN UDE: Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Wer die Nase vorn hat, lässt sich nicht sagen, weil man nie weiß, welche Überlegungen bei den IOC-Mitgliedern im Vordergrund stehen. Deshalb wird die Entscheidung auch so spannend. Manchmal ist es aber auch gar nicht so schlecht, bis kurz vor Schluss im Windschatten der Konkurrenz zu laufen.
Mathias Peer