Die Dokumentation zur 9. KÖLNER SPORTREDE

Die Dokumentation zur 9. KÖLNER SPORTREDE finden Sie als Broschüre hier zum DOWNLOAD.

Impressionen aus der 9. KÖLNER SPORTREDE

finden Sie in der Bildergalerie

Kölner Sportrede 2018 "Der Wert des Sports" - Rainer Maria Kardinal Woelki

© Jonas Fuchs

"Sport ist Mord - es lebe der Sport!1 Anmerkungen eines aktiven Passivsportlers zum Thema Werte, Gesellschaft, Sport"

 

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Reker, sehr geehrte Damen und Herren der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes,

meine sehr verehrten Zuhörerinnen und Zuhörer,

man muss schon ein besonders kauziger britischer Premierminister gewesen sein, um ungestraft sagen zu dürfen, dass Sport Mord sei – oder ein besonders sportmuffeliger Zeitgenosse, der dem guten Churchill dieses angebliche Zitat einfach mal in den Mund gelegt hat. Sicher, im fortgeschrittenen Alter geben Erscheinungen wie Winston Churchill oder Margaret Rutherford alias Miss Marple die besten Figuren einer Anti-Sportbewegung ab, und wer selbst im Leben gerade den berühmten inneren Schweinehund walten lässt, zitiert dann gerne diese „Anti-Sportsätze“, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen.

Zwischen „gar keinen Sport betreiben“ und „Leistungssport“ liegen Welten; verbunden werden diese Welten bisweilen über das Fernsehen und das Internet. Oder anders gesagt: die einen schwitzen, die anderen sitzen. Sport gibt es auf der ganzen Welt. Und als Deutschland vor zwölf Jahren Gastgeber der FIFA Fußball-WM war, hieß es gar: „Die Welt zu Gast bei Freunden.“

Die Welt des Sports hat viele Facetten und Dimensionen. Damit Sie alle beim Zuhören „im Spiel“ bleiben, stelle ich Ihnen vorab die Punkte vor, an denen entlang sich meine Rede entwickelt. Der Vorgabe der Veranstalter folgend, wird es wohl eine Halbzeit lang… hoffentlich keine torlose!

1) Die gesundheitsfördernde Wirkung des Sports

2) Die integrative Kraft des Sports

–oder: „der Sport“ muss Kölner sein

3) Die geselligen Varianten des Sports

4) Die janusköpfige Seite des Leistungssports

a. Doping

b. Ruhm

c. Sportinvalidität

5) Die olympische Idee und ihr paralympischer Lakmustest

6) Die politische Neutralität des Sports

7) Die kommerzielle Ausrichtung des Spitzensports

8) Die religiöse Dimension des Sports

 

1) Die gesundheitsfördernde Wirkung des Sports

Kaum eine deutsche Krankenkasse wird darauf verzichten, Bonuspunkte für die Teilnahme an bestimmten Sportaktivitäten zu vergeben: wer ein Sportabzeichen erwirbt, zum Eltern-Kind-Schwimmen geht, einen Yoga-Kurs belegt oder ähnliches, der darf mit Boni rechnen; es ist erwiesen, dass bestimmte Sportarten Menschen helfen, beweglich bis ins Alter zu bleiben, mehr Muskeln aufzubauen als Fett anzusammeln, wodurch der Knochenbau stabilisiert und entlastet wird usw. usw. In einer Zeit, in der Menschen weit weniger hart körperlich arbeiten als vor und zu Beginn der Industriealisierung, ist der Sport ein Ausgleich geworden für stundenlanges in der Schule, im Büro oder im Auto sitzen. Die entsprechenden Sätze dazu lauten: „Auf zwei Beinen bleibt man jung“. Oder schon in den 1970er-Jahren: „Trimm dich“ und religiös geformt: „In einem gesunden Körper, lebt auch ein gesunder Geist“.

Sport: eine schöne Sache und in Maßen für alle gut! Schwierig wird es, wenn der, der nicht läuft, nicht radelt, nicht täglich schwimmt, schief angeschaut wird, wenn der Maßstab des idealen Menschen am Body Mass Index (BMI) abgelesen wird und Abweichungen von dieser Norm mit Diskriminierung oder Diskreditierung einhergehen; mehr als schwierig würde es auch, wenn die Krankenkassen irgendwann nicht nur Boni vergeben für die Teilnahme an gesundheitsfördernden sportlichen Aktivitäten, sondern Zusatzbeiträge erheben für die, die keinen Sport machen oder wenn die Kassen die Kosten für solche Krankheiten nicht mehr übernehmen, bei denen die Möglichkeit besteht, dass Menschen - hätten sie bewusster gelebt - diese gar nicht erst bekommen hätten.

Sport soll Gesundheit fördern, aber hüten wir uns davor, Menschen zu strafen, die aus welchen Gründen auch immer, keinen oder wenig Sport machen (können).

2) Die integrative Kraft des Sports

Sicher können sich viele von Ihnen an den Spot „Wir sind Vielfalt“ erinnern, den der Deutsche Fußballbund (DFB) im Vorfeld der Europa-Meisterschaft 2016 schaltete2. In diesem 30-sekündigen Clip werden die Porträts der Nationalspieler in fließendem Übergang gezeigt. Da wird aus Emre Can Julian Draxler und Thomas Müller verwandelt sich zu Shkodran Mustafi. Es war ein Spot zu einem Zeitpunkt, wie er passender nicht hätte sein können und eine bewegende Antwort auf mehr als zweifelhafte Aussagen über Jerome Boateng und Mesut Özil sowie Kritik an Kinderbildern von Ilkay Gündogan auf Schokoladen-Verpackungen. Allesamt Aussagen, die ganz offensichtlich ins verbale, sportliche und gesellschaftliche Abseits führten - erschreckender umso mehr, dass diejenigen, die solche Hetze verbreiteten, heute im Deutschen Bundestag sitzen. Wie auch immer, wenn Jerome Boateng einmal in die schönste Stadt der Welt ziehen sollte, wäre es mir eine Ehre, ihn als Nachbar zu wissen.

Seit Jahren engagiert sich der DFB für Toleranz und Offenheit. So haben viele Menschen auch noch den Spot über die Grillparty der Familien der Euro-2008-Spieler vor Augen: Gerald Asamoahs Mutter, das Ehepaar Mertesacker und auch Mama Metzelder treffen sich zum sommerlichen, gemeinschaftlichen EM-Gucken. Das Leder verbindet. Der Fußball sei eine „Sprache“, die jede Sprachbarriere leicht überwinde, sagte Wolfgang Watzke, der frühere Geschäftsführer der Sozialstiftung des DFB, der Egidius Braun-Stiftung, die 2015 die Flüchtlingsinitiative „1:0 für ein Willkommen“ startete. Bei dieser Initiative werden Vereine mit einer Starthilfe von 500 Euro bedacht, wenn sie sich um die Eingliederung Schutzbedürftiger kümmern.

Der 2.000ste Verein, der mit dem Preisgeld bedacht wurde, war der Bonner SC. Dessen Präsident Mazurkiewiczs erklärte der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) wie man es treffender nicht formulieren könnte: „Auf dem Platz zählt nicht der Pass, sondern ob der Pass ankommt“, und der Profi von Hertha BSC Berlin, Vedad Ibisevic befindet, Fußball sei immer ein Weg, „um Leute kennenzulernen und mich in die Gesellschaft zu integrieren“. Der Fußball rollt rund um den Globus, und Deutschland liebt diesen Sport. Beste Voraussetzung für seine große Integrationskraft. Ein großer Vor-teil des Fußballs sei – so nochmal Ibisevic –, dass man ihn nicht allein spielen könne – dieser Sport bringt Leute zusammen, auf dem Platz, im Stadion, in den Kneipen, beim Public und beim private viewing und beim Tauschen von Fußballkarten. „Und vielleicht hilft es den Flüchtlingen, so die Hoffnung nicht zu verlieren. Im Leben ist es wie im Fußball: Auf schlechte Zeiten folgen gute Zeiten“, so noch einmal Ibisevic.

Was wir hier für den Fußball par excellence feststellen können, gilt ebenso für viele weitere Sportarten; der berühmte Sportsgeist und die Fairness im Sport sind Grundsteine wechselseitiger Achtung und Respekts. Es kommt mir durchaus nicht zufällig einer der Artikel aus dem sogenannten „Kölschen Grundgesetz“3 in den Sinn, nämlich die Einsicht: „Jeder Jeck ist anders“ – Ausdruck rheinischen Lebensgefühls und Ausdruck gelebter Toleranz. Vielleicht ist die Führungsakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes genau deswegen in Köln situiert; oder sie ist es wegen der beiden ganz besonderen Sportarten, die nirgendwo sonst auf der Welt - vor allem in der fünften Jahreszeit – so exzessiv betrieben werden wie hier: „Stippeföötche“ und „Die Hände zum Himmel“…

3) Die geselligen Varianten des Sports

Sehnsüchtig blicke ich an lauen Sommertagen immer auf die Gruppen von Menschen – heutzutage nicht immer nur mehr Männer – die Boule-spielend den Tag und gefühlt ihr Leben verbringen; es gibt wohl keine schönere Form der Geselligkeit und des Müßiggangs. Trägt dabei der Sport die Gruppe oder die Gruppe den Sport? Ganz ähnlich verhält es sich mit dem allmählich aus der Mode kommenden Kegelabend – für die einen spießig, für die anderen das Glück der Woche. Und das, was früher Tanztee war, feiert heute unter jungen Menschen als Jazztanz und Hip-Hop fröhliche Urstände. Schließlich ist das Wandern in Gruppen eine ganz besonders gesellige Weise des Sports, und das Deutsche Liedgut wäre um viele Strophen ärmer, wenn es nicht des Müllers Lust wäre, zu wandern. Auch das christliche Pilgern ist von der Bewegung und dem Miteinander getragen: Keiner geht allein!

In Zeiten zunehmender Individualisierung können wir Menschen des 21. Jahrhunderts den Wert von Geselligkeit als Baustein für Gemeinschaftserleben und Solidarität gar nicht hoch genug ansiedeln; auch und gerade wenn viele von uns heutzutage lieber abgeschottet von den „störenden Anderen“ mit Musik im Ohr für sich selbst joggen.

Letztlich ganz auf sich gestellt, sind die Spitzensportlerinnen und –sportler unserer Tage selbst dann, wenn sie einen Mannschaftssport betreiben.

4) Die janusköpfige Seite des Leistungssports

a. Doping

b. Ruhm

c. Sportinvalidität

a. Doping

Es gehört zu den irritierendsten Begegnungen, die ich im vergangenen Jahr hatte, als ich im Zuge der Durchführung einer Radiosendung die frühere DDR-Spitzenathletin und heutige Schriftstellerin und Professorin für Verssprache an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst, Ines Geipel, kennenlernte. Im Gespräch mit ihr und später dann auch bei der Lektüre ihrer Bücher wurde ich sehr nachdenklich. Neben der Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Depression im Leistungssport ist es vor allem die Straftat des Dopings, die der schonungslosen Aufklärung bedarf.

Beim Doping handelt es sich ja nicht nur um einen Betrug am Zuschauer und am sportlichen Konkurrenten – wie es etwa bei Spiel- und Wettmanipulationen der Fall ist. Dort, wo das Doping bereits an Kindern und Jugendlichen durchgeführt wurde und wird -noch dazu ohne deren Wissen und Einverständnis -, findet eine Form der Körperverletzung und Identitätszerstörung von höchster Verwerflichkeit statt. Mit harmlos als „unterstützende Mittel“4 titulierten Anabolika wurden in der DDR etwa 15.000 (!) minderjährige Leistungssportler und –sportlerinnen in großem Umfang - in der Regel ohne Aufklärung und ohne Einverständnis der Eltern - „in das organisierte Doping einbezogen, an dem mindestens 400 Ärzte, Trainer und Funktionäre direkt beteiligt waren.“5

Die mögliche Medaille für den Staat stand über der körperlichen und seelischen Unversehrtheit der anvertrauten Kinder und Jugendlichen. In vierzig Jahren Sportgeschichte erlangte die DDR 755 Olympiamedaillen, 768 Weltmeister- und 747 Europameistertitel – welcher Preis dafür zu zahlen war, wurde erst mit der Aufdeckung des sogenannten Staatsdopings nach „Staatsplan 14.25“ bekannt. Diese Aufdeckung hat die Sicht auf den DDR-Sport grundlegend verändert. Das Wunder war in Wahrheit ein Verbrechen. Die Umbewertung der Sporterfolge ging auch mit einer Umbewertung der Athletinnen und Athleten einher. Hielt man sie einst für Profiteure des Systems, liegt der Fokus heute „auf der immer größer werdenden, späten Wunde des kriminellen DDR-Sports und damit auf den Berichten seiner vielen Opfer.“6

Die Schäden, die das Doping hinterlassen hat, sind verheerend: Organstörungen, Herzerkrankungen, Tumore - vor allem an Leber, Brust, Gebärmutter, Hoden und Blut -, Stoffwechselerkrankungen, Thrombosen, psychische Erkrankungen wie Abhängigkeitserkrankungen, Borderline-Syndrom, Depressivität, Psychosen und chronifizierte Suizidalität sowie massive Veränderungen der Geschlechtsorgane einhergehend mit Identitäts- und Fortpflanzungsstörungen. Bis in die zweite Generation reichen die möglichen Schädigungen. Hier finden sich bei den Kindern der gedopten Athletinnen und Athleten vor allem die Deformation der Organe, der Hände und Füße, Skelettschäden, Klumpfüße und Wasserköpfe; auch psychisch lassen sich schwere Schädigungen feststellen ebenfalls bis hin zur chronifizierten Suizidalität7.

In Anbetracht des Grauens, das mit Doping einhergeht, darf man schon vorsichtig nachfragen, ob – und das meine ich jetzt nicht rhetorisch – ob es heutzutage reicht, aus russischen Athleten, „Olympische Athleten aus Russland“ zu machen, um die Ächtung des Dopings auszudrücken.8 Doping, soviel ist klar, hat unmittelbar mit der Sucht nach Anerkennung und Ruhm zu tun.

b. Ruhm

Für ihren Ruhm gehen Menschen buchstäblich über Leichen – nicht nur im Sport. Nun ist der Ruhm im Sport oftmals Ruhm in jungen Jahren. Ihm wird alles untergeordnet – bis hin zur Lebensplanung für die Zeit danach, wenn der Körper einem keinen lukrativen Vertrag bei Vereinen oder bei Werbefirmen mehr ermöglicht. Was kommt nach dem Ruhm und was hat im Leben bereits während des Ruhmes Platz?

Ohne ihn hier vorführen oder karikieren zu wollen, ist für mich das Leben von Boris Becker eines, in dem die Höhen und Tiefen des frühen oder zu frühen Ruhmes sich bündeln. Wo lernen Sportlerinnen und Sportler eine Lebensplanung, die über den Erfolg hinausragt? Wo lernen sie, mit dem Ruhm so umzugehen, dass er nicht alles überblendet? Wo lernen sie, mit dem schnellen Geld so zu wirtschaften, dass es für das Leben danach reicht?

Es ist für mich eine Frage an uns alle, wie die Begleitung von Sportlerinnen und Sportlern aussieht, die uns so viel Freude, soviel Begeisterung schenkten und die wir danach alleine lassen oder uns an ihrem Schicksal weiden. Ruhm, so erhebend und so schön er ist, er darf die viele weiteren Lebensfragen nicht völlig überlagern, und er darf nie dazu führen, diese anderen Lebensfragen zu verdrängen. Ansonsten wird die Depression der dunkle Bruder des hellen Ruhms9.

c. Sportinvalidität

Um eine risikofreie Sportart zu finden, musste ich lange überlegen, bis mir das Schachspiel einfiel. Alle anderen Sportarten sind von Risiken unterschiedlichen Stärkegrades begleitet. Ein unglücklicher Ausrutscher auf feuchtem Rasen, ein Sturz vom Pferd oder auf die Stange beim Stabhochsprung, ein Sturm auf hoher See, ein Krampf beim Schwimmen, ein Moment der Unaufmerksamkeit auf dem Hochseil oder auf der Rennstrecke oder ein Sturz auf schnellem Eis. Einmal zu viel gewollt und sofort steht die Gesundheit oder gar das Leben auf dem Spiel.10

Um Verletzungen auszukurieren, dazu bleibt oft zu wenig Zeit – der Druck des nächsten Spiels, des nächsten Rennens oder des nächsten Wettkampfes überwiegt alles.

Auch die Spätfolgen von Verletzungen zeichnen Athletinnen und Athleten – dann bleibt vom Ruhm früherer Tage nur der Schmerz. Ob dann der Satz „dabei gewesen zu sein, ist alles“ wirklich trägt, bleibt fraglich. Gerade bei den seit gut zwei Monaten zurückliegenden olympischen Winterspielen in Pyeongchang war das Thema „Gefährdung der Sportlerinnen und Sportler“ durch riskante Pistenführung allgegenwärtig. Im Blick auf den Parcours beim Skicross titelte der Spiegel erschreckend treffend: „Selbst verrückte Typen kommen hier an ihre Grenzen“ und von einem zuschauenden Snow-Boarder wird der Kommentar gedruckt: „Das ist doch alles nur noch krank.“ 11

5) Die olympische Idee und ihr paralympischer Lakmustest

Trotzdem: Olympia ist großartig. Es ist der Traum jeder richtigen Sportlerin und jedes richtigen Sportlers; und alle vier Jahre erfreuen wir uns an den faktisch chancenlosen Teilnehmenden aus kleinen, exotischen und armen Ländern, die zum Realsymbol des Satzes werden: „Dabeisein ist alles.“

Wenn man sich die Ausführungen des Baron Pierre de Coubertin – des Vaters der modernen olympischen Spiele – zu Gemüte führt, könnte man fast denken, er plane - wie die Päpste der letzten dreißig Jahre - „Weltjugendtage“. Er hatte den Anspruch, die Jugend der Welt friedlich zu verbinden. Für ihn war der Olympismus eine Lebensphilosophie, die gleichsam die Bildung von Körper und Geist anstrebt. In der Verbindung des Sports mit Kultur und Erziehung sollte ein Lebensstil entwickelt werden, der Freude an der Leistung mit dem erzieherischen Wert des guten Beispiels und dem Respekt vor universalen und fundamentalen ethischen Prinzipien verbindet.

Dass im Zuge der letzten Jahrzehnte nicht nur Sportlerinnen und Sportler ohne, sondern auch diejenigen mit Behinderung bei den Paralympics12 aktiv werden, gehört zu den großen Errungenschaften der Menschenrechtsbewegung. Für die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Verena Bentele, die früher selbst als Biathletin bei den Paralympics an den Start ging, geht es heutzutage vor allem um eine angemessene Förderung behinderter Sportlerinnen und Sportler.

Für Verena Bentele markierten die Paralympics in London eine Zeitenwende. Dort sei es erstmals zu einer gleichwertigen Wahrnehmung von olympischen und Paralympischen Spielen in der Öffentlichkeit gekommen. Die Stadien waren gut besucht und die Athletinnen und Athleten mit Behinderung prägten das Stadtbild. Oftmals fungieren Paralympische Spiele auch als Motor für die gesellschaftliche Anerkennung von Menschen mit Behinderung im jeweiligen Ausrichterland. Während die Paralympics – leider – beim Thema Doping mitten in der nicht-behinderten Welt angekommen sind, sieht das bei der Frage der Medaillenprämien noch anders aus. Es ist erst acht Jahre her, dass es dieselben Prämien wie bei Olympia bei Medaillengewinnen gibt und das auch nur bis zu Platz vier. Hier erlebt der Behindertensport ähnliches wie der Frauenfußball, nämlich eine bei weitem schlechtere Bezahlung – und diese hat immer auch mit gesellschaftlicher Anerkennung zu tun.

Für Verena Bentele ist klar: Die Aktiven mit Behinderung brauchen eine bessere Förderung, wenn sie neben dem Sport auch noch eine Ausbildung oder ein Hochschulstudium absolvieren. Es müssten auch mehr Stellen für sie bei der Bundeswehr oder im öffentlichen Dienst geschaffen werden. Der Staat sollte da alle Sportler gleichermaßen fördern. Schließlich formuliert sie den Wunsch, dass Sportler mit und ohne Behinderungen mehr miteinander trainieren. Es ist nicht das wichtigste Ziel, dass die olympischen und die paralympischen Spiele parallel stattfinden, aber es wäre toll, wenn beispielsweise Weltcups und Weltmeisterschaften zusammengelegt würden, getreu dem Motto: Der Weg ist das Ziel.

6) Die politische Neutralität des Sports

Nun muss ich zum Auftakt dieses Punktes einmal ausdrücklich bischöflich werden. Sie mögen sich wundern, warum gerade an diesem Punkt, an dem es doch um Politik, Neutralität und Sport und in keiner Weise um Kirche, Religion und Theologie geht – dafür hat es doch ein eigenes Kapitel ganz am Ende zur religiösen Dimension des Sports…

Aber: hier gibt es Zusammenhänge, die sich lohnen betrachtet zu werden. Auch die Kirchen werden ja immer wieder einmal dazu aufgerufen, politisch neutral zu sein. Dazu ist folgendes zu sagen: Es bedeutet eine der großen Erkenntnisse in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, dem Antijudaismus und dem Antisemitismus, dass es solche „Neutralität“ nicht gibt. Vielmehr gibt es historische Konstellationen, in denen scheinbare Neutralität Stabilisierung herrschender Verhältnisse bedeutet.

Und der Sport? Was ist mit den olympischen Spielen 1936 in Berlin? Waren die politisch neutral? Oder politisch motiviert und instrumentalisiert? Wie kostbar wäre hier ein politisches Signal gewesen!

Ein deutliches politisches Signal setzte der Präsident der Spielgemeinschaft Eintracht Frankfurt, Peter Fischer, vor wenigen Wochen. Für ihn sei es mit der Mitgliedschaft bei der SG unvereinbar, eine Partei zu wählen oder gar deren Mitglied zu sein, die sich durch Diskriminierung und Rassismus hervortue. Zwar werde es bei der Eintracht keine Prüfung geben, ob man AfD-Mitglied sei oder diese Partei wähle; jede und jeder werde aber zu gewissenhafter Selbstprüfung aufgerufen. Letztlich um der Neutralität des Sports zu dienen, ist er diesen Schritt gegangen. Diese Neutralität meint ja nicht Harmlosigkeit, sondern bedeutet, dass jede und jeder mit demselben Respekt zu beachten sei, dieselben Chancen haben müsse und zum Team und zum Verein dazugehören darf. Wer diesen grundlegenden menschenrechtlichen Kriterien13 aktiv politisch entgegenwirkt, ex-kommuniziert sich quasi selbst. Ein spannender Gedanke, der es lohnt, weiter verfolgt zu werden.

Und was ist mit der Geschlechtergerechtigkeit bei olympischen Spielen und unter den Funktionären? Nach wie vor gibt es Länder wie Saudi-Arabien, die mit reinen Männermannschaften zu Olympia fahren. Mittlerweile formiert sich dagegen Widerstand. 24 Jahre lang hatte das IOC Südafrika wegen seiner Apartheidspolitik von den Spielen ausgeschlossen. „Als Südafrika nach dem Ende der Apartheid 1992 in Barcelona zum ersten Mal wieder dabei sein durfte, trat es natürlich mit schwarzen Athleten an – 35 Länder aber kamen weiter-hin ohne Frauen, wie Saudi-Arabien, Sudan oder Niger. Länder wie der Iran erlaubten Frauen nur solche Disziplinen, die „in angemessener Kleidung“, sprich: dem Tschador auszuführen waren14. Die olympische Idee ist eine universale Idee, und sie wird sich dann auch gegen ihre Kommerzialisierung durchsetzen, wenn sie die Achtung vor der Würde jeder und jedes Einzelnen unbedingt respektiert.

7) Die kommerzielle Ausrichtung des Spitzensports

„In Hollywood und beim Fußball“ habe „die Populärkultur jedes Maß verloren“ konstatierte im Sommer 2017 Frank Olbert vom Kölner Stadtanzeiger15. Er stellt fest, dass der sogenannte Mehrwert - das ist nach Karl Marx die Differenz zwischen den Kosten, die die Herstellung einer Ware aufwirft und dem Gewinn, den man mit dem Verkauf erzielt - beim Fußball ins Exorbitante gestiegen ist. Der Unterschied zwischen geleisteter Arbeit und dem Verdienst der Sport- ebenso wie mancher Pop- und Filmstars, sprengt mittlerweile die Vorstellungskraft. Die Kosten eines Original-Trikots des je eigenen Idols ebenso! Da werden zynische Preise verlangt, und um dazuzugehören, werden diese Preise von Kindern und Jugendlichen und von vielen Menschen mit geringem Einkommen auch bezahlt.

Die zurückliegenden olympischen Winterspiele in Pyeongchang fanden zwar in Südkorea statt – zwischenzeitlich konnte man aber dem Verdacht erliegen, der Ausrichter sei Samsung. Spiele sozusagen in der Samsung-Republik16. Positive Sichtbarkeit brauchte der Multikonzern zur Zeit der Winterspiele dringender als zuvor, galt es doch einen Bestechungsskandal, der dem mittlerweile auf Bewährung freigelassenen de-facto-Chef Lee Jae-yong fünf Jahre Haft einbrachte, aus den Schlagzeilen zu bringen. Auch die Smartphone-Blamage von Ende 2016, als das Flaggschiffhandy Galaxy S6 Note vom Markt genommen werden musste, musste aus dem Image verschwinden. So kommt es nicht von ungefähr, dass man getrost sagen kann, dass es in Südkorea fast egal ist, welchem Sport man folgt – „Samsung spielt immer mit, meistens als Favorit.“ Und die boomenden E-Sports, bei denen sich die Gamer per Netzwerk messen, „sind längst mit dem Samsung-Logo versehen.“

Aber packen wir uns an die eigene Nase. Ohne Mercedes und Nutella, scheint man nicht groß und stark, und kein deutscher Fußballnationalspieler werden zu können. Und dass die Bayern ihrem Ruf immer wie-der gerecht werden, alles aufzukaufen, was in den Vereinen der Liga an Nachwuchstalenten und an Nachwuchstrainern aufgebaut worden ist, ist mehr als traurig. Vereine wie der SC Freiburg, die hervorragende Nachwuchsarbeit betreiben und einen Trainer haben, der ebenfalls vor den Abgründen rechter Gesinnung warnt17, wissen davon ein Lied zu singen. Doch bei aller Sympathie für den Verein aus Südbaden, in dessen Stadt es auch die erste Sport-Grundschule Deutschlands, getragen von einem der ältesten Sportvereine Deutschlands, der Frei-burger Turnerschaft von 1843 e.V. gibt – das klingt fast wie ein Kölner Karnevalsverein! – also bei aller Sympathie für die Badener: am morgigen Samstag hört die Freundschaft auf. Denn da geht es für den SC und den FC ums Überleben in der besten Liga der Welt. Aber die ist ja bekanntlich immer die, in der der 1. FC Köln spielt – auch wenn es die zweite ist… oder sieht das hier etwas jemand anders?

Kommen wir nun also – sie merken es – zur religiösen Dimension des Sports.

8) Die religiöse Dimension des Sports

Mittlerweile sind seitens der FIFA jegliche religiösen Gesten und Gebärden bei der FIFA Fußball-WM verboten – und dass obwohl für viele der Fußball selbst die eigentliche Religion ist. Hintergrund ist hierbei nicht das fundierte religiöse Bewusstsein der Funktionäre, sondern die Tatsache, dass kaum ein Sponsor mit einer bestimmten Religion in unmittelbare Verbindung gebracht werden möchte. Fakt ist aber, dass das Stadion zur modernen Pilgerstätte geworden ist und mindestens der Fußball zur Religion geworden ist.

Die Bedeutung der Religion für den Sport beschäftigt seit Jahren Soziologen und Theologen. Es gibt vor allem beim Fußball, „immer mehr religionsähnliche Facetten zu entdecken“, sagt der Frankfurter Sportsoziologe Professor Robert Gugutzer. So werde das Stadion zu einer Pilgerstätte, die einmal in der Woche aufgesucht werde, um gemeinsam einer Zeremonie zu folgen, Lieder zu singen, zu jubeln oder zu trauern. „Mitglieder eines mächtigen Chores“ nennt der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer die Fans, die - wenn sie in die Gesänge einstimmen - von einer „gemeinsamen Moral“ erfüllt und als Mitglied der Gemeinschaft anerkannt werden. Nach dem gleichen Prinzip funktioniere auch das Public Viewing: Selbst wer sich sonst nicht für Fußball interessiert, fühlt sich aufgrund der gleichen Gesänge, Kleidung und Emotionen als Mitglied der Fangemeinschaft. Außerdem pflegten Sportfans eine in der Religion sehr verbreitete Erinnerungskultur. Permanent werde auf vergangene Triumphe, Nieder-lagen und außergewöhnliche Ereignisse zurückgeblickt. Letztlich seien die Anhänger, die sich auf die Jagd nach Autogrammen oder Erinnerungsfotos von Fußballprofis, Formel-1-Weltmeistern oder Leichtathletik-Weltrekordhaltern machen, so etwas wie Reliquiensammler, die ihre Helden wie Heilige verehren.18

Es klang in den Kapiteln zuvor immer schon einmal an, dass auch die olympische Idee einen quasi-religiösen Zug trägt. Es ging Coubertin darum, „Feste (schaffen zu wollen), die alle vier Jahre für die Jugend der ganzen Welt, für den 'menschlichen Frühling' veranstaltet werden“ und „neben der Entwicklung des Leibes das Werk moralischer Vervollkommnung und sozialer Befriedigung weiterführen sollten“ (A. Höfer). Er wollte, dass die vermeintlichen Ideale des Altertums, die sich für ihn in besonderer Weise in den Olympischen Spielen ausdrückten, zu neuen Erziehungszielen der Gegenwart erhoben werden. So verstand Coubertin in diesem Sinne die modernen Spiele ausdrücklich als religiös: „Das Hauptmerkmal des alten wie des neuzeitlichen Olympismus ist, dass er eine Religion darstellt“, eine „religio athletae“ (H. Lenk). Für Coubertin war der Sport einerseits „eine Religion mit Kirche, Dogmen, Kult...“, andererseits deutete er diesen religiösen Charakter um, indem er ihn durch Internationalismus und Demokratie verwandelte und steigerte. Dessen ungeachtet war Coubertin der Meinung, auch das moderne Olympia müsse ein „heiliger Bezirk“ sein, - wie im Altertum – „allein dem geweihten, gereinigten Athleten... vorbehalten“. Auf diese Weise sei der Sportler „eine Art Priester“.19

Als solcher, der ich wirklich einer bin, komme ich nun zum Ende meines Vortrages und hoffe, dass dieser Sie - wenn auch nicht körperlich, so doch mental, um ein wichtiges Wort aus der Fußballsprache zu verwenden - bewegt hat.

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.

 

[Die gesprochene Rede finden Sie HIER]

 

Quellenangaben:

1 Beim ersten Teil der Überschrift „Sport ist Mord“ handelt es sich um ein nur vermeintliches Zitat von Winston Churchill; es gibt aber keinerlei Nachweis dafür, dass das ihm in den Mund gelegte Bonmot jemals von ihm geäußert wurde, zumal er in jüngeren Jahren selbst Sport getrieben hatte. Beim zweiten Teil der Überschrift „Es lebe der Sport“ handelt es sich um den Titel eines Songs des österreichischen Liedermachers Reinhard Fendrich, der mit seinem Lied auf humorvolle Weise von Sportunfällen erzählt.

2 Vgl. zu den Ausführungen und den Zitaten dieses Kapitels insgesamt: https://www.domradio.de/themen/soziales/2016-06-07/fussball-als-integrationshelfer-bei-profis-und-amateuren?page=5

3 vgl. zum Kölschen Grundgesetz u.a.: www.koelsches-grundgesetz.de

4 Vgl. hierzu: Drescher Anne (2017): Vorwort, in: Die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, STAATSDOPING IN DER DDR. EINE EINFÜH-RUNG, Schwerin, S. 7-10,7.

5 Ebd.

6 Geipel, Ines (2017): Einleitung, in: a.a.O., S.11-14,11.

7 Vgl. zu den anerkannten Schädigungen durch Doping in der ersten und zweiten Generation u.a.: a.a.O., S.25-31.

8 Vgl. zur Problematik: www.deutschlandfunk.de/olympische-spiele-in-pyeongchang-doping-und-diplomatie.724.de.html

9 Vgl. zum Zusammenhang von Ruhm, Leistungsdruck und Depression: Geipel, Ines (2010): Seelenriss. De-pression und Leistungsdruck, Stuttgart.

10 Vgl. hierzu: https://www.br.de/themen/sport/sendungen/einwurf/einwurf-sportverletzungen-ehrgeiz-neuer-goretzka-100.html

11 Beide Zitate siehe: www.spiegel.de/sport/wintersport/olympia-2018-stuerze-beim-skicross-eine-halsbrecherische-strecke-a-1194584.html

12 Die Paralympischen Spiele, kurz Paralympics, sind die Olympischen Spiele für Sportler mit Behinderung. Die Sommerspiele werden seit 1988, die Winterspiele seit 1992 drei Wochen nach den Olympischen Spielen am gleichen Austragungsort veranstaltet. Bereits 1948 wurde parallel zu den Olympischen Spielen eine Sportver-anstaltung für Rollstuhlfahrer organisiert. Seit 1960 wurden dann regelmäßig alle vier Jahre die Weltspiele für Behinderte ausgetragen. Der Paralympische Fackellauf startet im britischen Stoke Mandeville, dem Grün-dungsort der paralympischen Bewegung. Der Paralympische Eid, - das Fairness-Versprechen von einem Athle-ten und einem Kampfrichter bei der Eröffnungsfeier - ist dem der Olympischen Spiele angeglichen, jedoch wird das Wort olympisch durch paralympisch ersetzt. Organisator der Paralympics ist das Internationale Paralympische Komitee (IPC) mit Sitz in Bonn. Als Logo fungieren drei farbige Bögen in Rot, Blau und Grün. Vgl. hierzu: https://www.domradio.de/themen/sport-und-kirche/2016-09-08/beauftragte-fuer-menschen-mit-behinderungen-zu-paralympics

13 Vgl. dazu insgesamt: Woelki, Kardinal Rainer Maria (2016): Entschieden für Menschenwürde und Menschen-rechte. Zur kirchlichen Haltung gegen Rechtspopulismus, Freiburg, S. 181-190.

14 Zunehmender Druck vor allem von Seiten des sogenannten Komitees „Atlanta Plus“ zeigt hier allmählich Erfolg: Der systematische Druck der von „Atlanta Plus“ mobilisierten Politikerinnen und Politiker und Medien entfaltet langsam Wirkung. 2008 schickten nur noch drei Länder null Athletinnen nach Peking: Saudi-Arabien, Katar und Brunei. Vgl. hierzu und zur weitergehenden Entwicklung: https://www.emma.de/artikel/gegen-geschlechter-apartheid-265980

15 Obert, Frank (2017): Der Wert des Menschen. In Hollywood und beim Fußball hat die Populärkultur jedes Maß verloren, in: Kölner Stadtanzeiger vom 26.07.2017, S. 4.

16 Vgl. dazu und den Zitaten dieses Abschnittes insgesamt: Lill, Felix (2018): Spiele in der Samsung-Republik. Die Winterspiele von Pyeongchang wären ohne den größten Konzern Südkoreas nicht denkbar – das gilt für so einiges im Land, in: Badische Zeitung vom 23. Februar 2018, S. 16.

17 Vgl. dazu unter vielen anderen: www.sueddeutsche.de/sport/-bundesliga-trainer-ruft-zum-waehlen-auf-gegen-fremdenfeindliche-parteien-1.2904246

18 Vgl. alle Zitate dieser Seite: www.faz.net/aktuell/rhein-main/sport/fussball-und-religion-eine-frage-des-glaubens-11084228.html

19 Dieses Zitat ist entlehnt aus: www.olympiastatistik.de/index.php

9. KÖLNER SPORTREDE, 27.04.2018: Rainer Maria Kardinal Woelki: „Der Wert des Sports“

Ein Kardinal als Festredner der 9. Auflage der KÖLNER SPORTREDE? Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln und bekennender Fußballfan, insbesondere des 1. FC Köln, verstand es geschickt, im historischen Kölner Rathaus vor rund 240 geladenen Gästen aus Sport, Politik, Kultur und Wirtschaft bei der 9. Auflage der KÖLNER SPORTREDE die Heimspielatmosphäre zu nutzen. Wollte sich der Kardinal ursprünglich an die Regel halten, nur eine Halbzeit lang über den „Wert des Sports“ zu referieren, ging er nach 45 Minuten jedoch in eine gehörige Nachspielzeit. Die Zuhörer, unter ihnen als Hausherrin die sportbegeisterte Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Bernhard Schwank als Leiter der Abteilung Sport und Ehrenamt in der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen in Vertretung der für den Sport zuständigen NRW-Staatssekretärin Andrea Milz, sowie Walter Schneeloch als Vorstandsvorsitzender der Führungs-Akademie des DOSB, folgten dem Kardinal aber auch in der Verlängerung mit größter Aufmerksamkeit.   

Die Werte des Sports, so wie er sie versteht, fasste der Kardinal in acht Kapiteln zusammen. Wobei er nach dem Erwähnen der Pluspunkte stets auch auf die Kehrseite verwies. Die gesundheitsfördernde und –erhaltende Wirkung des Sports sei unbestritten. Der Erzbischof formulierte es religiös: „In einem gesunden Körper lebt auch ein gesunder Geist“. Wenn aber Abweichungen vom durch einen Body Mass Index ideal definierten Menschenbild zur Diskriminierung führen, wird es kritisch. Woelki: „Sport soll Gesundheit fördern. Aber wir müssen uns davor hüten Menschen zu strafen, die aus welchen Gründen auch immer keinen oder wenig Sport machen oder ausüben können.“  

Beim Hinweis auf die integrative Kraft des Sports erhielt Kardinal Woelki sogar zwischenzeitlich Applaus. Der Fußballfan Woelki erinnerte an die vom Deutschen Fußball-Bund publizierten Spots „Wir sind Vielfalt“. Die Spots hätten passender nicht produziert werden können als bewegende Antwort auf mehr als zweifelhafte Aussagen über Jerome Boateng und Mesut Özil sowie Kritik an den Kinderbildern von Ilkay Gündogan auf Schokoladenverpackungen. Das seien Bemerkungen - Zitat Woelki: „… die ganz offensichtlich ins verbale, sportliche und gesellschaftliche Abseits führten -erschreckender umso mehr, dass diejenigen, die solche Hetze verbreiteten, heute im Deutschen Bundestag sitzen“. Er selber würde sich jedenfalls glücklich schätzen, Jerome Boateng als Nachbarn zu haben.

Schließlich erinnerte der Festredner an die Aussage des Präsidenten des Bonner SC, der für seine Integrationsarbeit eine besondere Belobigung erhalten hatte. Der Katholischen Nachrichten-Agentur hatte er das Engagement seines Vereins im Rahmen von Integrationsarbeit erklärt: „Auf dem Platz zählt nicht der Pass, der die Herkunft erklärt, sondern nur der Pass, der ankommt.“ Und vom Berliner Vedad Ibisevic übernahm Woelki, der vor seinem Amtsantritt in Köln von 2011 bis 2014 Erzbischof von Berlin war, die Hoffnung, dass es der Vorteil jedes Mannschaftssports sei, dass man ihn nicht alleine spielen könne und er so auch Flüchtlingen helfe, die Hoffnung auf Besserung ihrer Situation nicht zu verlieren.

Womit der Festredner beim geselligen Wert des Sports angelangt war. Dazu gehörten auch das gemeinsame Boule-Spielen in einer Parkanlage, der gesellige Kegelabend oder das Wandern in der Gruppe. Kardinal Woelki: „Auch das christliche Pilgern ist von der Bewegung und dem Miteinander getragen. Denn keiner geht allein!“ In Zeiten zunehmender Individualisierung könnte der Wert von Geselligkeit als Baustein für Gemeinschaftserleben und Solidarität nicht hoch genug geschätzt werden; gerade dann, wenn viele heutzutage abgeschottet mit Musik im Ohr für sich alleine joggen.

Woelkis Sichtweise der janusköpfigen Seite des Leistungssports wurde stark geprägt durch sein Zusammentreffen mit der früheren DDR-Spitzenathletin und heutigen Schriftstellerin und Professorin Ines Geipel. Seit diesem Moment setzt sich der Sportsfreund Woelki besonders mit dem Phänomen Depression im Leistungssport und mit der Straftat Doping auseinander, die der schonungslosen Aufklärung bedürfe. Grundsätzlich sei Doping vielseitiger Betrug. Dort, wo Doping aber bereits an Kindern und Jugendlichen praktiziert wurde, sei es Körperverletzung und Identitätszerstörung von höchster Verwerflichkeit. Das vom Doping beeinflusste Wunder des DDR-Sports sei in Wahrheit ein Verbrechen. Hielt man die Gewinner von einst zunächst für die Profiteure der Manipulation, läge der Fokus heute „auf der immer größer werdenden späten Wunde des kriminellen DDR-Sports. Nochmals Zitat Woelki: „In Anbetracht des Grauens, das mit Doping einhergeht, darf man schon vorsichtig nachfragen, ob es – und das meine ich nicht rhetorisch – heutzutage reicht, aus russischen Athleten ‚Olympische Athleten aus Russland‘ zu machen, um die Ächtung des Dopings auszudrücken.“

Kritisch setzte sich Rainer Maria Kardinal Woelki mit dem Preis auseinander, der oftmals für den Erfolg im Leistungs- und Hochleistungssport zu zahlen ist. Besonders kritisch zu betrachten sei der frühe Ruhm. Wo und wie lernen extrem erfolgreiche Jungsportler, mit dem Ruhm so umzugehen, dass er nicht alles überblendet; und mit dem Geld so zu wirtschaften, dass es für das Leben danach reicht? Ruhm darf nicht dazu führen, dass weitere Lebensfragen überlagert und verdrängt werden. Wenn der Ruhm dann auch noch einhergeht mit immer größeren Risiken im Sport, ist die Perspektive besonders kritisch einzustufen.

Zum Ruhm tragen olympische Medaillengewinne bei. Was Olympische und Paralympische Spiele anbetrifft, wollte Woelki deren Großartigkeit nicht infrage stellen. Letztlich aber ist für ihn das Maß der Dinge: „Dabeisein ist alles.“. Baron Pierre de Coubertins Idee, mit Olympischen Spielen die Jugend der Welt zusammenzuführen, verglich der Kölner Erzbischof mit den katholischen „Weltjugendtagen“ der Päpste der letzten dreißig Jahre. Bei Coubertin war der Olympismus eine Lebensphilosophie, die die Freude an der Leistung mit erzieherischen Werten und dem Respekt vor universalen und fundamentalen ethischen Prinzipien verbinden sollte. Dass inzwischen auch Sportlerinnen und Sportler mit Behinderung bei Olympia gleichwertigen Paralympischen Spielen aktiv werden, gehört nicht nur nach Woelkis Meinung zu den großen Errungenschaften der Menschenrechtsbewegung. Nun aber wünscht sich der Kardinal, und damit folgt er der paralympischen Top-Athletin Verena Bentele, dass paralympische Sportler in jeder Weise mit nicht–behinderten Athleten gleichgestellt werden: gleiches Erfolgsprämiensystem, gleiche berufliche Förderung z. B. durch Bundeswehr und öffentlichen Dienst. Aus organisatorischen Gründen lassen sich Olympische und Paralympische Spiele nicht zeit- und ortsgleich ausrichten. Woelki aber regt an, dass die Sportfachverbände bei internationalen Meisterschaften über eine Parallelität nachdenken sollten.

Im siebten Abschnitt seiner Festrede blickte der Kardinal auf die politische Neutralität des Sports. Gibt es sie? Wie war das mit den Olympischen Spielen 1936 in Berlin? Mögliche Beispiele der jüngeren Geschichte, obwohl sicherlich auch aktuellere politische Signale hätten erwähnt werden können, sprach Woelki nicht an.  Aber er begrüßte das politische Signal des Präsidenten des Fußballbundesligisten Eintracht Frankfurt, Peter Fischer, der jüngst die Eintracht zwar parteipolitisch neutral einstufte, was aber nur für Parteien gelte, die im Einklang mit den Werten der Eintracht stünden. Dies sei aber nach Fischer Meinung bei der Alternative für Deutschland nicht der Fall. Der Kölner Kardinal meinte, es würde sich lohnen, diesen spannenden Gedanken weiter zu verfolgen.

Probleme hat der Erzbischof bei der Bewertung der kommerziellen Ausrichtung des Spitzensports. In Zeiten, in denen Verdienste von Sportstars ebenso wie die Verdienste mancher Pop- und Filmstars mittlerweile jegliche Vorstellungskraft sprengen, wollte Woelki das Verhalten der Kölner Fußballer Hector und Horn, die den Verlockungen großer Angebote widersprachen und beim nächstjährigen Zweitligisten ihre Verträge verlängerten, in ein positives Licht rücken: „Verlässlichkeit und Treue sind mehr wert als kurzfristige Erfolge“. 

Das erzbischöfliche Schlusswort widmete Rainer Maria Kardinal Woelki der religiösen Dimension des Sports. Religiöse Gesten und Gebärden sind seitens der FIFA vor allem bei großen internationalen Ereignissen verboten, nicht zuletzt, weil viele Sponsoren mit bestimmten Religionen nicht in Verbindung gebracht werden wollen. Auf der anderen Seite sind Stadien aber für viele Fans, für die Fußball zur Religion wurde, Pilgerstätten geworden. Dort folgt man einer gemeinsamen Zeremonie, singt, jubelt und trauert. Und vor allem: Die Fußballfans pflegen wie in der Religion eine weitverbreitete Erinnerungskultur. Die Sammler von Autogrammen, Trikots oder sonstigen Sportstar-Utensilien verhalten sich wie Reliquiensammler. Auch die olympische Idee trage quasi-religiöse Züge. Der Sportler sei oftmals „eine Art Priester“.

„Für mich, der ich aber wirklich einer bin, soll dies das Schlusswort meiner KÖLNER SPORTREDE sein“, meinte der Festredner abschließend. Woelki, der früher gerudert und vor allem Basketball gespielt hat, heute noch gelegentlich Fahrrad fährt, am Tag nach der Rede den Abstieg seines geliebten 1. FC Köln aus dem Fußball-Oberhaus betrauerte und sich ansonsten im Fernsehen auch ganz gerne mal Boxen anschaut, sieht im Sport für seine Kirche Vorbildhaftes: „Ausdauer, Bemühen um Fairness und so zu laufen, dass man das Ziel erreicht, wobei die Platzierung letztlich egal ist.“ Lang anhaltender Applaus war dem 9. Kölner Festredner sicher.

[Autor: Hanspeter Detmer]

Grußwort von Frau Oberbürgermeisterin Henriette Reker anlässlich des Empfangs zur 9. Kölner Sportrede zum Thema „Der Wert des Sports“ am 27.04.2018, 17.00 Uhr, Historisches Rathaus, Piazzetta

Eminenz, sehr verehrter Herr Kardinal Woelki, 

sehr geehrter Herr Schneeloch,

sehr geehrter Herr Schwank,

sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung und Stadtgesellschaft,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

herzlich willkommen zur inzwischen 9. Kölner Sportrede. Ich freue mich, Sie auf gemeinsame Einladung der Stadt Köln und der Führungsakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes hier im Historischen Rathaus der Stadt Köln begrüßen zu können.

Meine Damen und Herren,

dass der Sport in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert genießt, wissen wir nicht nur dann, wenn eine Fußball WM oder EM ausgetragen wird – am besten im eigenen Land. Auch die NRW-Landesregierung und der Landessportbund tragen der hohen Bedeutung des Sports Rechnung – sehr schön zu sehen etwa an der „Zielvereinbarung Nr.1: Sportland NRW“ zwischen Landesregierung und Landessportbund. Diese sichert dem Sport in Nordrhein-Westfalen Unterstützung und wichtige Gelder zu. 

Und auch, dass Sport und Ehrenamt in der neustrukturierten Landesregierung von Frau Milz verantwortet werden, die als Staatssekretärin direkt an Herrn Ministerpräsident Laschet berichtet, ist für mich ein wichtiges Zeichen dafür, welche Bedeutung dem Sport beigemessen wird.

Auch hier in Köln kommt dem Sport ein hoher Stellenwert zu.

Regelmäßig werden hier große Sportveranstaltungen ausgetragen – und die Sportlerinnen und Sportler werden von dem Publikum in der ganzen Stadt begeistert gefeiert. Beispielweise hat sich das Velux EHF Final 4 im Handball seit 2010 hier zum größten Indoor-Sportevent Europas entwickelt. Und auch Eishockey ist eine feste Größe in unserer Stadt – und in der Lanxess Arena. Sie ist Heimat der Kölner Haie und war Austragungsort der IIHF Eishockey Weltmeisterschaften in den Jahren 2001, 2010 und auch im vergangenen Jahr – erstmals mit zwei ausrichtenden Nationen: Deutschland und Frankreich. Köln hat die Teilnehmerinnen und Teilnehmer herzlich willkommen geheißen, und gemeinsam haben wir friedliche und fröhliche Spiele erlebt.

Unsere Stadt ist sportbegeistert, und das erkennen Sie, meine Damen und Herren, natürlich auch an der Liebe der Kölnerinnen und Kölner zu ihrem 1. FC Köln – und zwar in guten wie auch mal weniger guten Zeiten. Und viele sind auch selbst sportlich aktiv, vor allem im Breitensport: Rund 240.000 Menschen sind in unserer Stadt Mitglied in einem der 650 Sportvereine, die im Stadtsportbund organisiert sind. Es gibt wohl kaum eine Sportart, die hier nicht vertreten ist. Die Stadt Köln ist sehr froh über die enge Zusammenarbeit mit dem Stadtsportbund und den Sportfachverbänden.

Hinzu kommen all die Menschen, die nicht in einem Verein organisiert sind, sondern Sport auf den Straßen und Plätzen der Stadt oder in unseren zahlreichen Grünanlagen treiben. 

Um die Perspektiven für den organisierten und auch für den nichtorganisierten Sport zu entwickeln, erarbeiten wir gerade gemeinsam mit den Beteiligten unseren ersten  Sportentwicklungsplan, begleitet von Herrn Prof. Kähler, einem renommierten Sportentwicklungsplaner. Hier stehen Fragen im Mittelpunkt wie: Wer treibt welchen Sport? Welche Angebote gibt es für Seniorinnen und Senioren? Und welche Sporthallen brauchen wir?

Die Auftaktveranstaltung hierzu fand am 26. September des vergangenen Jahres hier im Historischen Rathaus statt.

Ende dieses Jahres sollen die ersten Ergebnisse der neuen Planung vorliegen, und im nächsten Jahr werden wir im ersten Schritt fünf Leuchtturmprojekte in Angriff nehmen.

Meine Damen und Herren,

wenn ich vom „Wert des Sports“ spreche, so denke ich auch an das Einüben von Toleranz und Miteinander ebenso wie an Teilhabe und Talentförderung. Es geht hierbei um Wertschätzung und das Vermitteln von Werten.

Sicherlich beschäftigt uns alle die Frage, wie wir mit dem Wertewandel in unserer Gesellschaft umgehen sollen. Ich bin davon überzeugt: Der Sport kann uns helfen, hierauf Antworten zu finden. 

Eminenz,

ich freue mich schon sehr auf Ihre Ausführungen und darauf zu erfahren, was für Sie „den Wert des Sports“ ausmacht.

Meine Damen und Herren,

ich wünsche Ihnen, dass Sie heute zahlreiche Anregungen erhalten, viel Neues und Interessantes erfahren und wichtige Impulse mit nach Hause nehmen.

Im Anschluss lade ich Sie zu einem Umtrunk im Atrium und dazu ein, sich dort auch die Begleitausstellung des Sportamtes anzuschauen. Unter dem Motto „Unser Sport – so vielfältig wie unsere Stadt“ bildet das „Kölner Sportjahr“ die gesamte Breite des Sports in Köln ab. Zukunftsträchtig, attraktiv und inklusiv: Das ist der Sport in Köln im Jahr 2018 – und genau das macht ihn so wertvoll.

 [Es gilt das gesprochene Wort]

Grußwort von Herrn Bernhard Schwank anlässlich des Empfangs zur 9. Kölner Sportrede zum Thema „Der Wert des Sports“ am 27.04.2018, 17.00 Uhr, Historisches Rathaus, Piazzetta

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,

sehr geehrter Herr Vorstandsvorsitzender,

sehr verehrter Herr Kardinal,

sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

liebe Sportfreundinnen und Sportfreunde,

ich darf Sie im Namen von Frau Staatssekretärin Andrea Milz herzlich im Sportland Nordrhein-Westfalen begrüßen und Ihnen die besten Grüße ausrichten. 

Leider ist es Frau Milz heute nicht möglich, selbst zu Ihnen zu sprechen.

Die Wahl des heutigen Leitthemas „Werte des Sports“ macht deutlich, dass sich der Sport nicht scheut, auch komplexe Themen zur Diskussion zu stellen und vor dem Hintergrund seiner gesellschaftlichen Verantwortung zu beleuchten. 

Zudem handelt es sich um ein für den Sport existentielles Thema, dass Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen der Führungsakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes, ausgewählt haben.

Ein Thema, das man aus vielen verschiedenen Perspektiven beleuchten kann und das für unterschiedliche aktuelle Entwicklungen nationalen und internationalen Sport hohe Relevanz besitzt.

Wenn wir von Werten sprechen, denken wir stets und gleich an etwas Gutes, etwas Erstrebenswertes, an hehre Ziele.

Der Sport ist dafür ein wundervolles Beispiel. Mit ihm assoziieren wir zahlreiche positive Werte – allen voran das Fairplay. Kein anderer Wert wird so sehr mit dem Sport in Verbindung gebracht.

Wir denken aber auch an für unser Zusammenleben grundlegende Werte, die durch Sport vermittelt und eingeübt werden: 

- Respekt und Toleranz, 

- Hilfsbereitschaft und Empathie, 

- Solidarität und Engagement, 

- Willensstärke und Leistungsbereitschaft.

Werte wie diese empfinden wir als attraktiv. Sie verkörpern Ideale. Sie dienen uns als Handlungsorientierung. Und sie zwingen uns zu nichts.

Man könnte fast meinen, man bräuchte unsere Welt – und ebenso die Welt des Sports – nur auf gemeinsamen Werten zu begründen und alles gelänge und ginge gut.

Doch so einfach ist es wie immer nicht!

Denn nur mithilfe ihrer großen Geschwister, den Normen, die uns als geschriebene oder ungeschriebene, aber in jedem Fall sanktionsbewehrte Regeln begegnen, konstituiert sich unsere Welt. 

Mit ihnen schaffen wir uns einen Rahmen, in dem wir unsere Handlungsoptionen erkennen können. Das gleiche gilt für den Sport. 

Auch im Sport sind Regeln konstitutiv. Ohne seine gestaltgebenden und strategischen Regeln gäbe es den Sport nicht. Kein Tennis ohne Tennisregeln.

Allerdings sind Regeln deutlich weniger attraktiv als Werte. Als Verhaltensvorschriften haben sie einen restriktiven Charakter. Sie engen den Einzelnen und seine eigenen Vorstellungen ein. 

Individuelle Anschauungen und allgemeingültige Regeln geraten deshalb nicht selten miteinander in Konflikt.

Man stelle sich zum Beispiel vor, dass eine Fußballmannschaft den Gegner aus dem benachbarten Stadtteil am letzten Spieltag gewinnen lässt, damit der Nachbarverein nicht aus der Bezirksliga absteigt.

Im Sinne des sportlichen Wettbewerbs und dessen Regularien wäre es nur folgerichtig, ein solches Verhalten zu bestrafen, wenn sich denn Vorsatz feststellen ließe.

Aus moralischer Perspektive könnte es aber ebenso statthaft sein, für ein solches Verhalten Verständnis aufzubringen oder vielleicht sogar mit einem Lächeln auf den Lippen von einer netten Geste zu sprechen. Denn schließlich hatte niemand Böses im Sinn. 

Denn es wäre durchaus zulässig zu fragen, ob man Menschen, die einen Sport ausüben, in dem „taktische Fouls“ erwünscht sind und „Schwalben“ und „Zeitspiel“ trainiert werden, vorwerfen kann, dass sie 

- nur mit der B-Mannschaft angetreten sind, 

- nur wenig engagiert gegen den Ball gearbeitet oder 

- gar mit Vorsatz verloren haben.

Hieran zeigt sich, dass allgemein anerkannte Regelungen nicht in jeder Situation gleich bewertet werden. Fallen Regelinhalt und moralisches Urteil auseinander, so wird nicht selten die Regel hinterfragt. Dies muss man aushalten.

Legen wir hingegen die Maßstäbe anderer Sportarten an, zum Beispiel solcher, in denen der Wert des Fairplay eine ganz besondere Stellung einnimmt, kommen wir indes zu anderen Ergebnissen.

Im Cricket zum Beispiel sind in der Woche vor Ostern Kapitän, Vizekapitän und Trainer der australischen Nationalmannschaft zurückgetreten, weil ein Mitspieler in einem Testspiel den Spielball mit Sandpapier angeraut hatte. 

Unter Tränen entschuldigte sich der Kapitän für den „Kummer“, den er seinem Land bereitet habe. Es wäre ein „Tag der nationalen Schande“.

Man stelle sich vor, wie Fußballdeutschland reagieren würde, wenn die Führungsriege der Nationalelf nach einem gewonnenen WM-Finale im Moskauer Olympiastadion zurücktreten würde, weil das Spiel nur durch einen geschundenen Strafstoß gewonnen werden konnte.

Wahrscheinlich hätte nur eine Minderheit applaudiert, wenn der vermeintlich Gefoulte auf Nachfrage des Schiedsrichters seine Schwalbe zugegeben hätte.

Fußballdeutschland hingegen hätte vermutlich getobt, aber auf jeden Fall mit Unverständnis reagiert, wenn aufgrund der moralischen Entscheidung eines Einzelnen nichts aus dem fünften Stern geworden wäre.

Im Freudentaumel über den sicher verwandelten Elfer hätte niemand von einer „nationalen Schande“ gesprochen. Und gar niemand hätte den Rücktritt der Führungsriege erwartet.

Dies zeigt, dass Normen und Werte in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinander stehen können. 

Etwas, das dem einen als „unfair“ erscheint, kann für den anderen durchaus als „fair“ bewertet werden.

Sehr verehrte Damen und Herren,

selbst etablierte Werthaltungen können durch neue oder sich ändernde Wertvorstellungen unter Druck geraten.

Dies gilt auch für den Sport, der keine geschlossene Eigenwelt darstellt und dessen Werte mit den Prinzipien anderer gesellschaftlicher Teilbereiche konkurrieren.

Am augenfälligsten ist dies im Zusammenhang mit der voranschreitenden Ökonomisierung des Sports, durch die der sportliche Wettbewerb zunehmend auch zu einem wirtschaftlichen Wettstreit wird – einem Wettrennen um Aufmerksamkeit und Reichweite, bei dem der Erfolg absolut gesetzt und unnachgiebig angestrebt wird und sich unfaire, aber erfolgsversprechende Strategien etablieren.

Korruption, Dopingbetrug und Spielmanipulation hinterlassen dabei nicht nur leichte Kratzer, sie zerstören den Sport im Kern, da sie seine, ihm ganz eigene Besonderheit – das Fairplay – unterlaufen. 

Doch was passiert, wenn der Sieg nicht mehr die Kür, sondern die allseits erwartete Pflicht ist? Wenn man die Versuchung, die Regeln zu brechen, in das System einprogrammiert?

Wenn Abweichungen vom Fairplay zur Regel werden und die Regeln keine Chancengleichheit mehr gewährleisten können? 

Wer trägt dann für die Normabweichung die Verantwortung? Die Sportlerin und der Sportler?

Oder liegt die Verantwortung bei uns Konsumenten? Bei denen, die gleichzeitig immer höhere Leistungen und einen sauberen Sport erwarten, aber verärgert reagieren, wenn die eigene Erwartungshaltung nicht mit Medaillen und Rekorden befriedigt wird. 

Müssen wir Zuschauer nicht unsere Erfolgsmoral moderieren, um dem Fairplay wieder eine Chance zu geben?

Oder liegt die Hauptverantwortung vielmehr bei jenen, die Macht über die Strukturen ausüben und diese missbrauchen? Bei denjenigen, die Sport zum Geschäft erklärt haben, die selbst mit schlechtem Vorbild vorangehen und mit ihren Entscheidungen Verfehlungen des Einzelnen begünstigen?

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

die Antworten sind, wie so vieles im Leben, vielschichtig und sicherlich nicht einfach! Fairplay kann nur bedingt von oben verordnet werden. Es bedarf der ständigen Übung.

Denn Fairplay ist mehr als das bloße Einhalten von Spielregeln. Fairplay ist ein verinnerlichtes Prinzip, an dem wir unser Handeln ausrichten. 

Fairness berührt die Identität eines Menschen und zeigt sich in den besonderen Momenten, in denen altruistische Motive die gängigen Handlungsmechanismen überdecken.

Dies macht das Prinzip des Fairplay für unser Zusammenleben so bedeutsam. Erziehung und Anleitung zu fairem Handeln sind demnach unverzichtbar. 

Der Sport tut dies – tagein, tagaus, tausendfach. Dafür sollten wir dem Sport sehr dankbar sein! 

Herzlichen Dank!

 [Es gilt das gesprochene Wort]

Grußwort des Vorstandsvorsitzenden der Führungs-Akademie des DOSB, Walter Schneeloch, anlässlich des Empfangs zur 9. Kölner Sportrede zum Thema „Der Wert des Sports“ am 27.04.2018, 17.00 Uhr, Historischisches Rathaus, Piazzetta

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Reker, 

sehr geehrter Herr Kardinal Woelki,

sehr geehrter Herr Schwank,

liebe Kolleginnen und Kollegen aus Verbänden und Vereinen, 

liebe Sportlerinnen und Sportler,

sehr geehrte Gäste, 

im Namen der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes begrüße ich Sie zur Kölner Sportrede 2018.

Sport verkörpert Werte wie Fairplay, Leistung, Teilhabe und Respekt.

Sport trägt zur Entfaltung der Persönlichkeit bei.

Sport fördert Integration und Gemeinschaftssinn.

Sport leistet einen wertvollen Beitrag zur Vermittlung von Normen und Werten.

Kurz gesagt: Sport ist eine tragende Säule für das gesellschaftliche Zusammenleben.

Gerade in den letzten Jahren ist der Sport öffentlich aber auch mit anderen Attributen in Verbindung gebracht worden. Korruption, Doping und Skandale im internationalen und nationalen Spitzensport sowie der Olympischen Bewegung haben seinem Image spürbar geschadet. 

Welche Werte halten unsere Gesellschaft in einer immer komplexeren und dynamischeren Welt zusammen? Und welchen Beitrag kann hier der Sport eigentlich leisten? Diesen und anderen Fragen widmet sich die diesjährige Kölner Sportrede.

Als Sportfreund und begeisterter FC-Anhänger brachte unser Festredner den Mehrwert des Sports am Beispiel des Fußballs einmal auf den Punkt: „Er verbindet Gemeinschaft, Emotion, Sport, Spiel und Spannung – ideal, Menschen unterschiedlichsten Gemüts und verschiedenster Herkunft fröhlich zusammenzubringen.“

Meine Damen und Herren, er muss es wissen: Schließlich hat er als Kardinal der katholischen Kirche und Erzbischof von Köln einen umfassenden Blick auf das Werteverständnis in unserer Gesellschaft. 

Umso mehr freut es mich, dass wir Herrn Kardinal Woelki als Festredner der KÖLNER SPORTREDE 2018 gewinnen konnten.

Meine Damen und Herren,

Rainer Maria Kardinal Woelki – das kann man so sagen – ist ein waschechter Kölner. Hier wurde er nicht nur vor bald 62 Jahren geboren, sondern auch 1985 zum Priester geweiht. Darüber hinaus war er von 2003 bis 2011 Weihbischof im Erzbistum seiner Heimatstadt. Nach einem kurzen Intermezzo in Berlin ist er seit September 2014 Erzbischof von Köln.

Gewissenhaftigkeit, ein faires Miteinander und Respekt – für diese christlichen Werte steht unser Gastredner öffentlich ein. Werte, die unsere Gesellschaft im Inneren zusammenhalten; Werte, die sich auch im Sport wiederfinden. 

Ich möchte dies noch einmal kurz an drei Beispielen festmachen:

1. Sport kann politische Differenzen überbrücken, dabei Grenzen ab- und Freundschaft aufbauen.

Ganz aktuell erinnere ich mich an die Öffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in PyeongChang. Vielleicht war ja der gemeinsame Einlauf der nord- und südkoreanischen Mannschaft tatsächlich ein Statement, das sich über die Spiele hinaus positiv auf die Verständigung zwischen den beiden Staaten auswirken wird. Ich denke, dass die derzeitige Entwicklung auf politischer Ebene diesbezüglich Anlass zur Hoffnung gibt.

2. Sport ist Charakterschule für jede und jeden von uns

Anschaulich zeigt dies beispielsweise die aktuelle Kampagne des LSB NRW „Das habe ich beim Sport gelernt“. Zahlreichen Motive und Slogans weisen darauf hin, welches Bildungspotenzial der Sport in sich trägt: Entscheidungen treffen, Haltung zeigen, Freude teilen, Verantwortung übernehmen und Respekt erweisen – solche prägenden Eigenschaften dienen maßgeblich zur Persönlichkeitsentwicklung. Unsere Aufgabe ist es, genau diesen Wert des Sports durch solche Kampagnen noch stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. 

3. Athletinnen und Athleten können Werte vorleben

Spitzensportlerinnen und –sportler sind Identifikationsfiguren, manche von ihnen sind weit über den Sport hinaus als Persönlichkeiten bekannt. Ihre herausragenden Leistungen werden bewundert, ihr öffentliches Auftreten beachtet. Umso wichtiger ist es, wenn genau diese Athletinnen und Athleten auch „wert-voll“ handeln.

So wie es Lisa Theresa Hauser 2017 in Oberhof getan hat: Die österreichische Biathletin war der Deutschen Vanessa Hinz beim Massenstart-Rennen versehentlich auf den Stock getreten, sodass dieser zerbrach. Daraufhin reichte sie ihrer Konkurrentin einen ihrer eigenen Stöcke, damit diese das Rennen weiter unbehindert bestreiten konnte. Hauser wurde dafür mit dem Fair Play-Preis des deutschen Sports ausgezeichnet, den der DOSB seit 1998 jährlich vergibt. „In dieser selbstlosen Geste zeigt sich, dass Fair Play im Sport auch auf höchstem Leistungsniveau seinen festen Platz hat“, würdigte die Jury dieses Verhalten. 

Von solche Gesten lebt der Sport jeden Tag, im Großen, aber natürlich auch im Kleinen. 

Meine Damen und Herren,

„Wer Sport mit Leidenschaft und ethischem Sinn treibt, kann auch die menschlichen und auch die christlichen Werte vertiefen“, hat Papst Benedikt XVI. festgestellt.

Uns interessiert nun vor allem der Blick von außen, der Blick über den Tellerrand des Sports hinaus. Wie sieht die Kirche, als Werteinstitution unserer Gesellschaft, den Sport und wie nehmen Sie, Herr Kardinal, den Sport und seine Bedeutung für unsere Gesellschaft wahr? Gibt es einen Wertewandel in unserer Gesellschaft und welchen Aufgaben und Herausforderungen müssen sich die Kirche und der Sport zukünftig widmen?  

Sehr geehrter Herr Kardinal Woelki – wir sind gespannt auf die Positionen der Kirche und freuen uns auf Ihre Kölner Sportrede 2018.

 [Es gilt das gesprochene Wort]

„Verlässlichkeit und Treue sind mehr wert als kurzfristige Erfolge“

Kardinal Woelki betrachtet in der 9. KÖLNER SPORTREDE den Wert des Sports aus verschiedenen Perspektiven

Rainer Maria Kardinal Woelki, bekennender Fußballfan und Erzbischof von Köln, wollte eigentlich nur eine Fußball-Halbzeit lang über die Werte des Sports reden. Mit seinem Vortrag, die 9. von der Führungs-Akademie des DOSB und der Stadt Köln initiierten Kölner Sportrede, überzog er seine Spielzeit jedoch bei Weitem. Dennoch fühlten sich die 240 geladenen Gäste im historischen Kölner Rathaus, unter ihnen viele Spitzenfunktionäre des deutschen Sport sowie Vertreter aus der Politik und Wirtschaft, nicht gelangweilt. 

Zu den Werten des Sports verwies Woelki nicht zuletzt vor dem Hintergrund der aktuellen Korea-Politik, dass der Sport politische Grenzen überbrücken kann. Dann verwies er auch auf die Charakterschulung durch den Sport: „Verlässlichkeit und Treue sind mehr wert als kurzfristige Erfolge“. Das war eine Anspielung auf die überraschenden Vertragsverlängerungen der FC-Spieler Jonas Hector und Timo Horn, trotz drohendem Zweitliga-Abstieg. 

Schließlich lobte Woelki die Integrationskraft des Sports und bekam von den Zuhörern viel Beifall, als er auf die vielen im deutschen Sport aktiven Athleten mit Migrationshintergrund verwies. Seine Kraft liegt aber auch in der Geselligkeit und verglich das gemeinsame Wandern mit dem Pilgern: „Keiner geht alleine. Geselligkeit ist Baustein der Solidarität. Aber der Kardinal prangerte auch die Geißel des Sports und nannte dabei vor allem Doping: „Das auf Doping basierende DDR-Sport-Wunder war ein Verbrechen.“ 

Als große Gefahr sieht Woelki, wenn Sportler zu früh zu Ruhm kommen. Oft folgen dann Tiefen, so dass von dem Ruhm früherer Jahre nur der Schmerz bleibt. Schließlich stellte Woelki noch die Forderung auf, dass behinderte Sportler die gleiche Förderung, wenn nicht sogar noch mehr, erhalten wie Nicht-Behinderte. Gemeinsames haben Sportfans, wenn das Stadion für sie Pilgerstätte ist und Autogramme zu Reliquien werden, mit Teilen der Kirchentradition, in der auch die Vergangenheit verehrt wird. Und was kann die Kirche vom Sport lernen? Die Antwort des Kardinals: „Ausdauer, Bemühen um Fairplay und so zu laufen, dass das Ziel mit Anstand erreicht wird und dabei der Platz egal ist.“

[Autor: Hanspeter Detmer]

Die KÖLNER SPORTREDE 2018

Die KÖLNER SPORTREDE ist eine gemeinsam getragene Veranstaltung der Stadt Köln und der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes. Seit der Premiere 2006 hat sich die Kölner Sportrede als bundesweit beachtetes Forum etabliert, das aktuelle Themen des Sports vor dem Hintergrund seiner gesellschaftlichen Verantwortung zur Diskussion stellt und Impulse für künftige Entwicklungen setzt.

Die diesjährige Kölner Sportrede findet am 27.04.2018 im Historischen Rathaus zu Köln statt.

Wir freuen uns, den Erzbischof von Köln, Rainer Maria Kardinal Woelki, als diesjährigen Referenten begrüßen zu dürfen. 

Thema der 9. Kölner Sportrede lautet: "Der Wert des Sports"

Ansprechpartnerin der Veranstaltung:

Rebekka Malchow (0221 / 221 275 93, malchow(at)fuehrungs-akademie.de)