„Ein Leadership-Programm kann einen echten Kreislauf der Entwicklung in Gang setzen“
Für den FLVW begleiten wir seit mehreren Jahren Leadership-Programme für unterschiedliche Zielgruppen. Im Gespräch berichtet Kilian Krämer, Vorsitzender des Ausschusses für Vereins- und Verbandsentwicklung (AVV), über Erfahrungen mit dem U30 Leadership-Programm, gibt Einblicke in die Entwicklung junger Engagierter und zeigt, welche nachhaltige Wirkung ein solches Format für Teilnehmende, Vereine und den Verband entfalten kann.
Red.: Wenn ich richtig mitgezählt habe, haben wir inzwischen den fünften Durchgang des Leadership-Programms für U30-Jährige im FLVW abgeschlossen. Wenn du auf die vergangenen Durchgänge zurückblickst: Warum ist dieses Angebot aus deiner Sicht für den Verband so wichtig?
K. Krämer: Ich glaube, ein zentraler Punkt ist, dass Menschen unter 30 Jahren in den Gremien des Verbandes, in den Kreisstrukturen und auch in vielen Vereinen bislang unterrepräsentiert sind. Genau diese drei Ebenen sprechen wir mit unserem Angebot an: die Vereine, die Kreise und den Verband selbst.
Wenn wir auf die vergangenen fünf bis sechs Jahre schauen, sehen wir, dass Menschen, die das Programm durchlaufen haben, heute in unseren Gremien aktiv sind. Bei einigen war das Programm sicherlich ein entscheidender Impuls, bei anderen hat es sie auf ihrem Weg unterstützt. In jedem Fall war es hilfreich.
Deshalb ist das Programm für den Verband so wertvoll: Die Zielgruppe der jungen Engagierten erhält mehr Aufmerksamkeit und wird sichtbar. Durch konkrete Beispiele von Personen, die ihren Weg in die Gremien gefunden haben, wird deutlich, welches Potenzial in dieser Generation steckt.
Gerade weil viele junge Menschen in unseren Fußball- und Leichtathletikvereinen aktiv sind, ist es wichtig, dass sie auch in den Entscheidungsstrukturen angemessen vertreten sind. Deshalb finde ich: Das U30 Leadership-Programm ist ein sehr wichtiges Angebot – und es ist gut, dass es dieses Format gibt.
Red.: Was nehmen die Teilnehmenden aus dem Programm konkret mit – abgesehen von den fachlichen Inhalten?
K. Krämer: Neben den Inhalten nehmen sie vor allem praktische Erfahrungen und Übungen mit. Sie erhalten die Möglichkeit zur Reflexion und beschäftigen sich mit Themen, die im Vereinsalltag – ähnlich wie im Berufsleben – oft zu kurz kommen, weil die Zeit dafür fehlt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Vernetzung. Ich merke, dass viele Teilnehmende auch nach dem Programm miteinander in Kontakt bleiben und voneinander profitieren. Sie können sich gegenseitig fragen, wie sie mit bestimmten Situationen umgehen, und erhalten Unterstützung aus einem Netzwerk, das über das Programm hinaus Bestand hat.
Für manche ist das Leadership-Programm außerdem ein Einstieg in weitere Angebote des Kreises, des Verbandes oder auch der Führungs-Akademie des DOSB. Sie lernen beispielsweise Beratungs- oder Schulungsangebote kennen, mit denen sie sich vorher vielleicht noch nicht beschäftigt haben – etwa die Ausbildung zum Vereinsmanager.
Red.: Das Programm stärkt nicht nur die Teilnehmenden, sondern auch die Vereine und den FLVW. Welchen konkreten Nutzen siehst du für beide Ebenen?
K. Krämer: Ein wichtiger Nutzen liegt sicherlich darin, dass wir durch das Programm ein deutlich größeres Netzwerk an engagierten Personen aufgebaut haben. Gerade wenn es darum geht, unsere Gremien weiterzuentwickeln und zu verjüngen, ist dieses Netzwerk sehr wertvoll.
Darüber hinaus erhalten wir durch das Leadership-Programm einen viel umfassenderen Eindruck von den Teilnehmenden, als wenn wir lediglich ein Telefonat oder ein klassisches Vorstellungsgespräch führen würden. Wir lernen ihre Interessen, ihre Stärken und ihre Fähigkeiten kennen. Gleichzeitig bekommen wir durch das Programm einen Eindruck davon, welches Wissen und welche Kompetenzen sie mitbringen.
Das hilft uns dabei, gezielter zu schauen, wenn engagierte Menschen gebraucht werden: Welche Person passt zu welchem Themenfeld? Wo gibt es Potenziale?
Red.: Welchen Vorteil hat ein Verein, wenn eine engagierte Person aus dem Verein am Programm teilnimmt?
K. Krämer: Ich sehe hier vor allem zwei große Vorteile.
Zum einen: Die Inhalte und Möglichkeiten, die das Leadership-Programm der Führungs-Akademie bietet, kann ein einzelner Verein kaum selbst organisieren – selbst größere Vereine haben dafür in der Regel nicht die Ressourcen.
Zum anderen übernimmt unser Verband für unsere Mitgliedsvereine die Kosten dieser Teilnahme. Die Vereine profitieren also sowohl inhaltlich als auch finanziell.
Hinzu kommt der Aspekt des Mentorings: Ein Verein kann eine engagierte Person gezielt fördern und ihr die Möglichkeit geben, sich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig erhält der Verein durch den Prozess eine Rückmeldung darüber, wie sich die Person entwickelt und welche Potenziale sichtbar werden.
Im Grunde ist das auch eine Form von Personalentwicklung, die wir für die Vereine unterstützen.
Red.: Wenn du auf das Programm insgesamt schaust: Woran merkt ihr, dass es tatsächlich erfolgreich ist und Wirkung entfaltet?
K. Krämer: Wir merken das vor allem daran, dass viele Menschen, die wir über das Programm kennengelernt haben, weiterhin in unseren Verbands-, Kreis- und Vereinsstrukturen aktiv sind.
Das zeigt sich ganz unterschiedlich: Manche engagieren sich heute selbst in Gremien, andere stehen über ihre Vereine weiterhin mit uns in Kontakt oder bringen neue Themen und Ideen ein. Auch die Rückmeldungen aus den Vereinen zeigen uns, dass das Programm Wirkung erzielt.
Ein weiterer wichtiger Indikator ist das positive Feedback der Teilnehmenden selbst. Sie spiegeln uns zurück, welche Erfahrungen sie gemacht haben und welchen persönlichen Mehrwert sie aus dem Programm ziehen konnten.
Ich glaube außerdem, dass das Thema junge Engagierte durch das Leadership-Programm insgesamt sichtbarer geworden ist. Das erleben wir übrigens nicht nur beim U30 Leadership-Programm, sondern auch bei unseren anderen Leadership-Formaten, beispielsweise im Frauen-Leadership-Programm, das Frauen stärkt, Führungspositionen im Sport wahrzunehmen und unsere Gremien vielfältiger macht.
Red.: Wenn andere Verbände Interesse daran haben, ein eigenes Leadership-Programm umzusetzen: Was würdest du ihnen empfehlen?
K. Krämer: Das Wichtigste ist aus meiner Sicht, dass der Verband das Programm aktiv begleitet und nicht einfach nur durchführt.
Was die inhaltliche Gestaltung betrifft, bekommen wir sehr positives Feedback. Ich finde, dass das Konzept und die Inhalte sehr gelungen sind und ihr hier eine sehr gute Arbeit leistet.
Unsere Aufgabe als Verband ist es, die Teilnehmenden auch an unsere Strukturen heranzuführen. Viele kommen durch das Programm vielleicht zum ersten Mal intensiver mit dem Verband in Kontakt. Wir müssen sie abholen, begleiten und gemeinsam mit ihnen schauen: Was machen sie mit dem Wissen, das sie aus dem Programm mitnehmen?
Wenn wir diese Begleitung nicht leisten, besteht die Gefahr, dass die Teilnehmenden zurück in ihre Vereine oder Kreise gehen und das entstandene Netzwerk wieder verloren geht.
Deshalb braucht es Menschen aus Haupt- und Ehrenamt, die den Prozess begleiten und mit den Teilnehmenden über ihre Perspektiven im Verein, im Kreis und im Verband sprechen.
Dafür müssen Ressourcen eingeplant werden. Das ist sicherlich nicht wenig Aufwand, aber es lohnt sich. Denn ohne diese Begleitung verschenkt man viele Möglichkeiten und Potenziale, die ein solches Programm entwickeln kann.
Red.: Wenn du auf einzelne Entwicklungen von Absolventinnen und Absolventen schaust: Gibt es Beispiele, an denen sich die Wirkung besonders gut zeigen lässt?
K. Krämer: Ich würde zwei Beispiele nennen.
Das erste ist ein besonders sichtbares Beispiel: Eine Teilnehmerin war im zweiten Leadership-Programm dabei. Damals war sie Beauftragte für Frauen- und Mädchenfußball im Kreis Münster. Nach dem Programm wurde sie Vorsitzende des Fußballausschusses – eine weibliche Führungskraft in einer solchen Position, was leider noch immer nicht selbstverständlich ist. Mittlerweile ist sie außerdem im Präsidium von SC Preußen Münster aktiv. Daran sieht man, dass Menschen durch solche Programme bestärkt werden können, Verantwortung zu übernehmen und Führungsaufgaben wahrzunehmen.
Ein weiteres Beispiel zeigt die nachhaltige Wirkung innerhalb unseres Verbandes: Ab dem nächsten Durchgang werde ich die Begleitung des Leadership-Programms gemeinsam mit einer weiteren Person übernehmen, die selbst einmal Teilnehmerin des Programms war. Auf sie sind wir überhaupt erst durch das Leadership-Programm aufmerksam geworden.
Das zeigt für mich einen sehr schönen Kreislauf: Eine Person nimmt am Programm teil, engagiert sich anschließend selbst in den Verbandsstrukturen und übernimmt später vielleicht wieder eine Rolle als Begleiterin oder Mentorin, um weitere junge Menschen auf ihrem Weg zu unterstützen.
Genau darin liegt für mich die besondere Wirkung eines solchen Leadership-Programms: Es entstehen positive Entwicklungen, die sich weitertragen.
Red.: Kannst du auch einschätzen, wie viele Absolventinnen und Absolventen nach dem Programm tatsächlich weitere Schritte in ihrer ehrenamtlichen Laufbahn machen?
K. Krämer: Eine genaue statistische Zahl kann ich nicht nennen, weil wir natürlich nicht alle Entwicklungen mitbekommen – gerade wenn Menschen neue Aufgaben innerhalb ihrer Vereine übernehmen. Ich würde aber sagen, dass mindestens die Hälfte der Teilnehmenden in irgendeiner Form eine neue Rolle übernimmt. Manche entwickeln sich innerhalb ihres Vereins weiter, andere übernehmen neue Aufgaben auf Kreis- oder Verbandsebene. Beispiele dafür sind etwa Engagements als Stützpunkttrainer*in, die Mitarbeit in der Trainer*innen-Ausbildung, Engagement im Inklusionsfußball auf Kreis- oder Verbandsebene oder Aufgaben im Verbandssportgericht beziehungsweise im westdeutschen Sportgericht.
Das sind nur einzelne Beispiele – die Liste könnte ich deutlich verlängern. Deshalb würde ich sagen, dass es nicht nur einzelne Personen sind, die neue Aufgaben übernehmen, sondern der überwiegende Teil der Teilnehmenden.
Was man bei der Wirkung außerdem nicht unterschätzen darf: Die Absolventinnen und Absolventen bringen auch neue Menschen mit. Wir erleben Vereine, aus denen weitere Personen am Programm teilnehmen, weil jemand zuvor dabei war und gesagt hat: „Das ist ein tolles Angebot, mach das auch.“
Red.: Du hast schon viele Aspekte angesprochen. Gibt es noch etwas, das du anderen Verbänden mitgeben möchtest?
K. Krämer: Ich würde sagen: Verbände brauchen Konzepte, wie sie junge Generationen – bei uns ist es die Zielgruppe U30 – für die Verbandsarbeit gewinnen und begeistern können.
Dafür braucht es ein ganzheitliches Konzept. Ich glaube, dass ein Leadership-Programm dabei eine sehr gute Wirkung entfalten kann. Das gilt nicht nur für junge Engagierte, sondern beispielsweise auch für Frauen, die in vielen Gremien ebenfalls noch unterrepräsentiert sind.
Ein Leadership-Programm wirkt dabei nicht nur auf individueller Ebene. Es stärkt auch den Verband insgesamt. Durch die Erfahrungen der Teilnehmenden, durch ihre Weiterempfehlungen und durch die Sichtbarkeit des Programms entsteht eine positive Dynamik.
Deshalb ist es sinnvoll, ein solches Angebot zu haben. Ich würde das Leadership-Programm tatsächlich als eine Art Flaggschiff bezeichnen – bei uns ist es ein zentraler Baustein, um junge Menschen für die Verbandsarbeit zu gewinnen und weiterzuentwickeln.
Und, das habe ich eben schon mal gesagt, aber ich betone es auch gerne noch ein zweites Mal, man muss als Verband dieses Programm begleiten, ansonsten wird es nicht nachhaltig wirken und sein volles Potenzial nicht entfalten. Die Wirkung, die wir heute sehen, wäre ohne diese kontinuierliche Begleitung nicht entstanden.
Red.: Vielen Dank für das Gespräch.
Mehr zu unseren Leadership-Programmen und Einblicke in unsere Arbeit gibt es hier.